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Literatur

Lyrik der Ratlosigkeit

Lyrik der Ratlosigkeit
Rezension von Jumoke Verissimo

Samuel Osazes Der falsche Mond von Yenagoa vermittelt die nicht enden wollende Unzufriedenheit, Wut und Verbitterung der nigerianischen Jugend über den Zustand des Landes. Osaze gehört zu einer ausgewählten Gruppe von Dichtern wie Akeem Lasisi, Rasaq Malik, Olajide Salawu, Gbenga Adeoba und anderen, die die traditionelle Ästhetik durch die Verwendung von Bildern aus der mündlichen Poesie neu interpretieren. Osazes Poesie scheint hauptsächlich von seinem Esan- und Edo-Erbe beeinflusst zu sein, das ihm als Ausgangspunkt für den Ausdruck seiner Gefühle dient.

Der Gedichtband von Osaze ist eine düstere Anschuldigung gegen die Ablehnung und Vernachlässigung durch frühere Machthaber, die Nigeria in einen Körper verwandeln, dessen Schmerz der späteren Generation gehört. Das einleitende Gedicht der Sammlung, Der Sklaventreiber, begründet die Unzufriedenheit des Dichters, die sich durch das ganze Buch zieht. Der Sklaventreiber ist, wie Osaze beschreibt, “ein Ungeheur, das vom Blut der Lämmer trinkt / und Taubheit vorgibt / für die Fäuste des Hungers / die gegen die Wände des leeren Magens / trommeln…”. Neben anderen lebhaften Bildern fängt Osaze in seiner Dichtung das Gefühl der Desillusionierung und der Hoffnungslosigkeit ein, wenn er die Jugend als “ein weites, reiches Feld, das von Heuschrecken in Ödnis verwandelt wurde” beschreibt.

Das gesamte Werk des Dichters ist von einem anklagenden Ton geprägt (der in gewissem Sinne das Tempo der Klagen vorgibt, auch, wenn diese von der nigerianischen Jugend unausgesprochen bleiben). In einigen wenigen Fällen wird die Wut des Dichters jedoch durch sein Bewusstsein für die erhaltende Kraft der Kultur gemildert, was zeigt, dass nicht alles korrupt oder entmutigend ist. Die Gedichte Ein Esan-Mädchen tanzen sehen und Nach dem Tanz, beide im vierten Abschnitt des Buches, loben den Rhythmus einer Tänzerin und wie dieser zu einem Mittel wird, mit dem sich der Optimismus dem Geistigen nähert. Im vierten Abschnitt betrachtet der Dichter das Tanzen als einen Weg, um in die spirituelle Welt einzutreten, auf der Suche nach einer persönlichen und möglicherweise auch nationalen Wiedergeburt. Dieser Abschnitt symbolisiert, dass das Einzige, was in diesem Land funktioniert, die Unterhaltung und die Künste sind.

Osaze gelingt es zwar gut, die Not der nigerianischen Gesellschaft und die Verzweiflung ihrer Jugend in seinen Gedichten darzustellen, doch scheint die Sammlung ein wenig zu sehr nach flüssigem Sprachgebrauch zu streben. Vielleicht liegt das daran, dass die mündliche Form, die beim Schreiben verfolgt wird, nicht vollständig erforscht wird. Es ist wichtig zu erwähnen, dass das Konzept und die Prämisse des Buches gut sind, und es gibt einige bemerkenswerte Zeilen, aber die schriftlichen Elemente könnten besser verfeinert werden.

Beginnen wir mit der Verwendung der mündlichen Poesie in seinem Werk. In den meisten nigerianischen Volksgruppen sind die Formen der mündlichen Poesie typischerweise auf präzise Formulierungen angewiesen, die bei der Beschreibung des Themas nicht an Bedeutung verlieren. Das Gedicht “Sklaventreiber” zum Beispiel könnte von einer sparsameren Wortwahl profitieren, damit der Leser die Qualen der nicht gewürdigten Arbeit im Sinne des Dichters versteht. Mündlich vorgetragene Poesie versucht, mit wenigen Worten viel zu sagen. Die Mundartdichter, die diese Gedichte vortragen, wissen, dass Worte nicht nur wegen des Bildes, das sie offenbaren, Macht haben, sondern auch wegen ihrer Fähigkeit, an die Gefühle zu appellieren, indem sie dem Leser etwas Neues offenbaren, während sie alles andere der Phantasie überlassen. Da Osaze mit seinen Gedichten versucht, die mündliche Form auf das Papier zu übertragen, erwartet der Leser eine Präsentation und Organisation, die eine Aufführung auf dem Papier nachahmt. Dabei geht es nicht unbedingt um das Wiederholen traditioneller Elemente der mündlichen Poesie, sondern um eine originelle Übermittlung des Gedichts an den Leser, bei der seine Worte über ihr Thema hinaus wirken. Das Gedicht Bei meiner Heimkehr reckt die Fäuste in die Luft zum Beispiel hat so viel Potenzial in der Art, wie es beginnt: “Bringt mich zurück woher ich komme”. Doch die darauffolgenden Zeilen “um meinen zornigen Wurzeln / bis in den Mutterschoß zu folgen, wo ich den / ersten Atemzug tat beim Mahl mit/ den Göttern des Tages“ in eine Metapher, die den Leser so verwirrt, dass das Ziel des Gedichts verloren geht.

Nichtsdestotrotz ist Osaze’s Buch ein wertvoller Beitrag zur Lyrikgemeinschaft in Nigeria. Er schließt sich zeitgenössischen nigerianischen Dichtern an und untersucht die allgemeine Erfahrung junger Menschen, die von jahrelanger schlechter Staatsführung betroffen sind, die ihre Vision vom Nigerianischsein sowohl individuell als auch kollektiv ausgelöscht hat. Von Rasaq Maliks Erkundung des Verlusts in seinen vielen Erscheinungsformen, Saddiq Dzukogis Einsatz von Poesie als Meditation für die Trauer, Ndubuisi Aniemekas Klagen über geschrumpfte Träume bis hin zu Romeo Orioguns Untersuchung des Übergangs und der Transformation des Selbst, sowohl innerhalb als auch außerhalb der nigerianischen Grenzen, bleibt der Fokus dieser Dichter, die Ratlosigkeit über den nigerianischen Staat zu zeigen. Innerhalb und außerhalb der nigerianischen Grenzen beherrscht die Verzweiflung über die Vernachlässigung der eingesperrten Bürger des Zorns, wie Osaze sie beschreibt, weiterhin die jüngsten Gedichte. Angesichts der Vorbereitungen auf die Wahlen ist Osazes Lyrik geeignet, den Puls der Nation in dieser Zeit zu hören. Sie beleuchtet die bekannten und unbekannten Lasten, die unverhältnismäßig stark auf den Schultern der größten Bevölkerungsgruppe Nigerias – der Jugend – liegen.

 

Samuel Osaze, Der falsche Mond von Yenagoa. Gedichte englisch/deutsch. akono Verlag 2021. ISBN 978-3-949554-00-1 125 Seiten. Softcover. Hier im Webshop bestellen
Jumoke Verissimo

Jumoke Verissimo ist die Autorin zweier hochgelobter Gedichtbände und des Romans „A Small Silence.“ Ihr neuestes Buch ist ein Bilderbuch für Kinder, das auch in Yoruba erhältlich ist: Grandma and the Moon’s Hidden Secret.

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Literatur Verschiedenes

Einladung zur Debatte: N-Wort

Einladung zur Debatte:
Übersetzung des N-Wortes im Buch einer Schwarzen Autorin
zum Thema rassistische Gewalt

Der Roman Sie wäre König der liberianisch-amerikanischen Autorin Wayétu Moore, der im Herbst 2021 im akono Verlag erschienen ist, stand bereits mehrfach in der Kritik, weil darin einige Male das N-Wort ausgeschrieben wird. Dazu möchten wir im Folgenden gern Stellung nehmen und Übersetzer:innen, Betroffene und andere Interessierte zu einer offenen und respektvollen Debatte einladen, die Nuanciertheit, analytische Schärfe und best-practice Ideen zum Ziel hat.

Ja! zu rassismuskritischer Sprache

Vorweg sei gesagt, dass wir zu keinem Zeitpunkt hinter die Anliegen rassismuskritischer Sprache zurückfallen wollten. Das N-Wort ist ein rassistisches Schimpfwort, das aus der Rassentheorie und vor dem Hintergrund der weißen kolonialen Unterwerfung zu einer Fremdbezeichnung mit abwertendem Charakter wurde, das unendlich viel Leid und Gewalt, Dehumanisierung und Herabwürdigung in sich trägt. Dieses Wort nicht mehr zu reproduzieren, ist geboten, weil es für Schwarze Menschen eine retraumatisierende Beleidigung darstellt und auch, weil dessen Aussprache durch weiße Menschen diesen innerhalb einer rassistischen Gesellschaftsordnung erneut privilegierte Autorität verschafft und somit koloniale Herrschaftsverhältnisse aufrecht erhält.

Alle Leser:innen, die das in Abrede stellen oder diskutieren wollen, werden gebeten, sich hier oder hier oder hier zu informieren und zu bilden.

Eine Geschichte des Widerstands

Der Roman Sie wäre König spielt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und thematisiert den Widerstand gegen koloniale Gewalt und Versklavung in Afrika und in der afrikanischen Diaspora anhand der Entstehungsgeschichte Liberias. Liberia wurde als neue Heimat für befreite ehemals versklavte Afroamerikaner:innen etabliert, nachdem die American Colonization Society 1816 vom amerikanischen Kongress ein Rückführungsmandat erhalten hatte. Die Schriftstellerin Wayétu Moore erklärt den Hintergrund ihres Romans wie folgt:

Liberia ist eine Geschichte des Widerstandes. Als ich begann, Sie wäre König zu schreiben, habe ich ziemlich intensiv verschiedene Widerstandsbewegungen und Aufstandsbewegungen in der afrikanischen Diaspora von Menschen afrikanischer Abstammung recherchiert. Das war gewaltig – da gab es Gaspar Yanga in Mexico und José Antonio Aponte in Kuba, wie auch in Haiti und Liberia und Nat Turner, und ich wollte, dass die Geschichte in ihrem Kern von Widerstand handelt.

Wayétu Moore im Interview mit akono

In „Sie wäre König“ treffen drei Figuren, die aus Lai in Westafrika, von einer Plantage in Virginia und aus den Blauen Bergen in Jamaika kommen, in den 1830er Jahren im Gebiet des späteren Liberia aufeinander. Alle drei Figuren haben besondere Kräfte, die in Bezug stehen zu der Gewalt, die im Laufe der Weltgeschichte Schwarzen Körpern angetan wurde, und vereinen sich zum Kampf gegen Unterdrückung, Versklavung und koloniale Fremdherrschaft. Die drei Charaktere verkörpern die diverse kulturelle Zusammensetzung Liberias, das aus indigenen Gruppen, Afroamerikaner:innen und aus der Karibik, vor allem aus Barbados, stammenden Gruppen besteht.

Historische Authentizität und Unverfälschtheit

Alle drei Charaktere und ihre zugehörigen Communities sind im Laufe der Geschichte enormer Gewalt ausgesetzt und werden im englischen Original einige Male mit beiden ausgeschriebenen N-Worten bezeichnet. Wir haben uns bei der Übersetzung entschieden, die Stimme der Schwarzen Autorin so unverfälscht wie möglich zu belassen und das Ausmaß der Gewalt in seiner Drastik so weit darzustellen, wie sie es gewollt hat. Insgesamt ist das deutsche N-Wort im Roman 24 mal ausgeschrieben. Wegen des Risikos, dass bei Betroffenen Ängste, Flashbacks oder andere psychische Reaktionen ausgelöst werden, enthält der Roman nun eine Triggerwarnung auf dem Cover und einen Übersetzungskommentar. Außerdem führt ein QR-Code im Buch zu dieser Debatte.

Einladung zur sachlichen Debatte

Nach zahlreichen Gesprächen mit Übersetzer:innen, Autor:innen und von rassistischer Gewalt Betroffenen, die jeweils aus sehr unterschiedlichen Perspektiven sprachen, ist uns bewusst geworden, dass es zum Umgang mit der Übersetzung des N-Wortes bisher keine bestmögliche einheitliche Herangehensweise gibt.
Daher möchten wir alle, die Interesse und Kapazitäten haben, sich an dieser Diskussion zu beteiligen, einladen, ihre Perspektiven und Ideen zu teilen.

* Spielt es bspw. eine Rolle, das der Text im Jahr 2018 bewusst mit dieser Terminologie veröffentlicht wurde und es sich nicht um eine Neuübersetzung eines alten Textes handelt?

* Welche kreativen Ideen gibt es, das N-Wort zu dekonstruieren?

* Wie steht ihr zu Euphemismen wie etwa „Schokosoldat“ (für Senegalschützen, so übersetzt in David Diop: Nachts ist unser Blut schwarz von Andreas Jandl)

* Was für eine Bedeutungsverschiebung findet statt, wenn der Text einer Schwarzen Person von einer weißen Person übersetzt wird in Bezug auf diese Thematik?

Wir bitten darum, das N-Wort in der Debatte nicht auszuschreiben.

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Literatur

Ein seltsam bewegendes Stück Belletristik

Ein seltsam bewegendes Stück Belletristik
von Wamuwi Mbao

Wamuwi Mbao rezensiert Burnt Sugar, den für den Booker Prize nominierten Roman von Avni Doshi. Im Herbst erscheint die deutsche Übersetzung "Bitterer Zucker".

Der ziemlich egoistische Glaube, dass die eigenen Eltern immer nur das Beste für einen wollen, führt unweigerlich zu der Art von Desillusionierung, die am häufigsten in Philip Larkins bekanntem Gedicht This Be the Verse erwähnt wird. Sie kennen das Gedicht (wenn nicht, sprechen Sie mit einem x-beliebigen Absolventen der englischen Literatur, der älter als 25 ist, über die Versäumnisse Ihrer Eltern). Der Prozess des Trauerns über den bevorstehenden Verlust des ersten Erwachsenen, in den man eine nennenswerte emotionale Bindung investiert, ist besonders zermürbend, wenn der Elternteil einem fremd wird. Die Trauer wird noch verstärkt, wenn der entfremdete Elternteil die eigene Mutter ist. Väter sind ausnahmslos Enttäuschungen, die sich von der Szenerie der Kindheit entfernen, wohingegen die Mutter die erste Schlichterin und Vertraute ist – und somit die erste Verräterin, wenn sie unsere falsche Vertrautheit enttäuscht, indem sie es wagt, nicht unserer starren Vorstellung davon zu entsprechen, wer sie ist.

Man könnte sagen, dass dies keine besonders heiteren Überlegungen sind. Und doch wird in Avni Doshis Bitterer Zucker (ein etwas besserer Titel als der wenig vielversprechende Girl in White Cotton, unter dem der Roman in Indien erschienen ist) die Diskrepanz zwischen der Erinnerung einer Tochter und einer Mutter an die Verflechtung ihrer Leben zu einer diagnostischen Erzählung, die auf 280 Seiten in knapper, sehr persönlicher Prosa die Verletzungen der Generationen nachzeichnet. Im Zeitalter der großen, kostspieligen Romane ist Bitterer Zucker ein segensreicher, geschmeidiger Roman auf einer Booker-Shortlist, die oft vor wortreichen, überfüllten Türstoppern ächzt.

Der Roman wird von Antara erzählt, einer mittelmäßig erfolgreichen Künstlerin in den Dreißigern, die mit ihrem Mann Dilip in Pune im Westen Indiens lebt. Er dreht sich im Wesentlichen um Antaras angespannte Beziehung zu ihrer Mutter Tara. Die Tochter (die das Spiegelbild ihrer Mutter, die Un-Tara, ist) befindet sich in einem Zustand tiefer innerer Zerrissenheit, die durch das Gefühl hervorgerufen wird, dass ihre Mutter ihre Tage leben wird, ohne für den Schaden, den sie ihrem Kind zugefügt hat, zur Rechenschaft gezogen zu werden:

Der Grund ist einfach: Meine Mutter vergisst, und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Es gibt keine Möglichkeit, sie an die Dinge zu erinnern, die sie in der Vergangenheit getan hat, keine Möglichkeit, sie mit Schuldgefühlen zu überschütten. Früher erwähnte ich ihre Grausamkeiten beiläufig beim Tee und sah zu, wie sich ihr Gesicht zu einem Stirnrunzeln verzog. Jetzt kann sie sich meist nicht mehr daran erinnern, wovon ich spreche; ihre Augen sind von ewiger Heiterkeit entrückt.

Antara steht vor der Aussicht, die Verantwortung für Tara übernehmen zu müssen, zurückgewiesen von ihrem eigenen Schuldgefühl und verärgert darüber, dass andere (ihr Partner, die Ärzte) ihre kühle Haltung gegenüber ihrer Mutter nicht verstehen werden. Der Arzt, den sie konsultieren, besteht darauf, dass ihr Gehirn in Ordnung ist, und ihr Mann tut so, als ob mit Tara alles in Ordnung wäre, weil er es nicht besser weiß. Aber für Antara ist die Frustration umso schlimmer, weil sie die Einzige zu sein scheint, die es sieht:

[...] die Mutter, an die ich mich erinnere, erscheint und verschwindet vor mir, eine batteriebetriebene Puppe, deren Mechanismus versagt. Die Puppe wird leblos. Der Bann ist gebrochen. Das Kind weiß nicht, was real ist und worauf man sich verlassen kann. Vielleicht hat es das nie gewusst. Das Kind weint.

Taras früh einsetzende Senilität ist für Antara erschütternd, denn Krankheit ist der große Homogenisator, der alles Besondere zurücknimmt und den geliebten Menschen durch eine Reihe peinlicher Episoden seiner Identität beraubt. Als ruheloser Charakter, dessen Rebellion gegen die Rollen, die von ihm erwartet wurden, einen hohen Preis hat, wird Taras langjährige Vernachlässigung ihrer Tochter in den Fokus gerückt, als ihr zunehmend löchriger Geist Antara dazu zwingt, sie genauer im Auge zu behalten.

Was folgt, ist ein beunruhigender Streifzug durch die Lebenswelten der beiden Frauen. Fühlt sich Antara zu Recht angegriffen von dem Leid, das sie durch ihre Mutter erfahren hat? Sicherlich ist Tara eine robuste, eigennützige Figur, die durch ihre Demenz plötzlich verletzlich geworden ist, und sie lenkt ihre mangelnde Fürsorge für die junge Antara als Teil einer Vergangenheit ab, die sie nicht wieder erleben möchte. Zu dieser Vergangenheit gehört, dass sie Antaras Vater verlässt und Zuflucht in einem Ashram sucht, der von einem verlogenen, räuberischen Guru geleitet wird, dem sie ihre ganze Aufmerksamkeit schenkt, bis sie für einen jüngeren Anhänger verschmäht wird. Während Tara sich dem Guru hingibt, ist das Kleinkind Antara sich selbst überlassen. Später wird sich die erwachsene Antara darüber ärgern, was ihre Mutter (die eine bemerkenswerte Verleumderin ist) zu vergessen vorzieht. Wir sehen, dass das, was Antara für wichtig hält, für ihre Mutter eine besondere Bedeutung haben kann oder auch nicht, und hier eröffnet sich uns der Schlüsselpunkt des Romans.

Bitterer Zucker erinnert uns daran, dass Kindheit eine Idee über die Beziehung von Kindern zum Erwachsensein ist, die von Erwachsenen erfunden wurde, um ihre Neurosen zu erklären. Das, woran man sich aus der Sicht eines Erwachsenen an seine Vergangenheit erinnert, ist immer gefärbt von den Handlungen der Erwachsenen, die uns mit ihren betrunkenen, psychopathischen, unehrlichen oder grausamen Handlungen am tiefsten enttäuscht haben. Antaras Versuche, das Abgleiten ihrer Mutter in die Demenz durch Erinnerungen, Stichwortkarten, Nacherzählungen und andere Gedächtnisleistungen zu verlangsamen, sind auch Versuche, ihr Verständnis der Ereignisse an eine einheitliche Erzählung anzugleichen, um ihrer Mutter besser verständlich zu machen, was sie falsch gemacht hat. Dies bildet den Grundton einer Erzählung, die durch Antaras freie Assoziation zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her springt. Je mehr Details Antara über ihre Mutter preisgibt, desto mehr wird uns ein Bild ihrer eigenen Entwirrung präsentiert.

Es ist der Schmerz der Kindheit, an den sich Antara am meisten erinnert. Als Tara den Ashram abrupt verlässt, weil sie vom Guru zugunsten eines jüngeren Liebhabers verschmäht wurde, verbringen die trotzige Mutter und die unglückliche Tochter ihre Tage in ungebührlichem Elend, betteln vor dem Club, dessen Gönner sie mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung betrachten, die das Bürgertum oft für diejenigen aufbringt, die es daran erinnern, wie leicht es ist, in den Ruin zu stürzen.

Von ihren Großeltern mütterlicherseits vor diesem deprimierenden Schicksal gerettet, muss Antara anschließend einen Aufenthalt in einem Internat über sich ergehen lassen, wo sie eine stotternde, instabile Freundschaft schließt (einer der interessanten Stränge des Romans sind Antaras Beziehungen zu anderen Frauen, die entweder abrupt abbrechen oder in Verwirrung und Missverständnissen versanden) und eine Essstörung entwickelt. Essen taucht im Roman immer wieder als Ort der Akzeptanz oder Ablehnung auf: Wir können leicht einen Bogen spannen von Tara, die ihre kleine Tochter unbeaufsichtigt lässt, während sie sich um den Guru kümmert, bis hin zu Antara, die ihre Mutter am Ende des Romans mit Zucker vollstopft.

Ironischerweise ist es ihre Mutter, deren Gesundheit in Frage gestellt ist, aber es ist Antara, die unaufhörlich durch die Vergangenheit kreist, während sie versucht, Taras Verhalten mit den Erwartungen in Einklang zu bringen, die mit der Rolle, die der Titel “Mutter” bedeutet, verbunden sind. Die Wut zwischen den beiden flammt an überraschenden Stellen auf, während wir nach und nach die Konturen ihrer Unstimmigkeiten erkennen. Unsere Sympathie schwankt zwischen Mutter und Tochter: Antara ist eine Erzählerin, deren Verlässlichkeit unberechenbar wogt, und die Frage der Schuldzuweisung wird immer unklarer, je mehr wir über beide Frauen erfahren.

Einer der interessantesten Beiträge von Bitterer Zucker besteht in der Reflexion über Geschlechterrollen. Die Männer – Dilip, Antaras Vater, der Guru, mit dem Tara flüchtet – sind abstoßend ineffektiv: selbstverliebt, angeberisch, völlig und oft absichtlich vergesslich, treiben sie durch die Geschichte und tragen wenig bei. Dilip, ein amerikanisierter Migrant, der mit fröhlichen Banalitäten handelt und ohne komplexe Gedanken durch die Welt geht, könnte genauso gut in einem anderen Roman vorkommen. Antaras wachsende Frustration über ihn, die von Doshi mit ironischem Understatement pointiert wiedergegeben wird, findet kein Ventil, weil die Gesellschaft, in der sie leben, auf dem unhinterfragten Glauben an männliche Überlegenheit aufgebaut ist. Das schlägt sich oft in Momenten nieder, die ein reumütiges Lachen hervorrufen. Als sie die Arztpraxis nach einer frustrierenden Konsultation verlassen, fragt der Arzt sie, ob sie mit einem männlichen Arzt eines Krankenhauses in Bombay verwandt seien. Ich sage ihm, dass wir das nicht sind”, berichtet Antara, “und er sieht enttäuscht aus, traurig für uns. Ich frage mich, ob die Erfindung einer Verwandtschaft hätte helfen können.’

Doshis Text spricht ein breiteres gesellschaftliches Problem an. Antara, Dilip und ihre Freunde sind vielschichtige Charaktere, die einer Generation angehören, die von den stillen Kämpfen ihrer Eltern profitieren will: Bitterer Zucker nimmt keinen Umweg über die Galerie der postkolonialen Kämpfe. Wenn Antara und ihre Kohorte sich treffen, dann tun sie das in einem ehemals kolonialen Club, der zwar physisch an das britische Raj erinnert, aber auch etwas anderes geworden ist. Aber sie gehören auch zu einer Generation, die die tief gehegten Aufstiegsvorstellungen ihrer Eltern zu enttäuschen droht, für die der Umzug in den Westen und die fade Assimilation die ultimative Errungenschaft sind.

Ironischerweise findet die Mutter, die sich zutiefst wünscht, von der Last von Antaras Liebe befreit zu sein, ihre Tochter weiterhin an ihrem Rockzipfel. Als Antara in einem Moment der Verärgerung ihrer Mutter vorwirft, nur an sich selbst zu denken, blockt Tara den Vorwurf kühl ab: “Es ist nicht falsch, an sich selbst zu denken.” Ihre Weigerung und Unfähigkeit, die Schande ihrer schlechten Bemutterung auf sich zu nehmen, lenkt uns darauf, über Taras eigene Beweggründe nachzudenken. Sie ist keine besonders verlässliche Erzählerin, und ihre Angst vor dem Leben, das sie mit Dilip eingeht, scheint Ausdruck eines ungeklärten inneren Konflikts darüber zu sein, welche Verantwortung durch Liebesbande entsteht.

The Johannesburg Review of Books

Dieser Text erschien zuerst auf englisch bei the JRB unter dem Titel “An oddly moving piece of fiction — Wamuwi Mbao reviews Burnt Sugar, Avni Doshi’s Booker Prize-shortlisted novel”

So sehen wir, wie Antara anfangs gegen die selbstgefällige Nichtigkeit ankämpft, sich in den Dreißigern an jemanden zu binden, der sicher ist, mit Kindern und spätkapitalistischer ästhetischer Vergessenheit droht. Doch schließlich üben die orthodoxen Regime so viel abergläubische Anziehungskraft auf sie aus, dass sie die einzigen Barrieren zu sein scheinen, die Antara davor bewahren, in eine abgrundtiefe Dunkelheit zu stürzen. Niemand will allein sterben. In solchen Momenten ist der Roman am stärksten: Die Texturierung der Beziehungen zwischen den Menschen widersteht dem Solipsismus und erinnert an ähnliche Momente im Werk von Autorinnen wie Sheila Heti oder Kate Zambreno. Aber wo diese Autorinnen einen eindeutig vanilligen “white-girl”-Modus pflegen, greift Doshis Auge die Absurditäten heraus und beschreibt sie neu, damit wir sie bemerken. Der Effekt ist angenehm lebendig.

Doshi ist auch eine scharfe Beobachterin von Klassenunterschieden. Das Gefolge von Arbeitern, die das Personal und die Pflege versorgen, sind in ihrer Innerlichkeit ätzend stumm. Das Kind Antara baut eine Bindung zu einer jungen Frau auf, die als Pflegerin angestellt ist, doch als Antara versucht, der Frau über die Grenzen des bürgerlichen Domizils hinaus zu folgen, wird sie brüsk abgewiesen, es kommt zu einem Handgemenge und die junge Frau wird entlassen. Später in der Geschichte reagiert Antara mit Angst und Bestürzung, als sie feststellt, dass das Gebrechen ihrer Mutter vom Wachmann des Gebäudes, in dem sie wohnt, gesehen wurde, was sie zu einem leichten Ziel für das wilde Proletariat macht, das Antara aus ihrer Fantasie heraufbeschwört.

Kenner einer bestimmten Art zeitgenössischer Belletristik werden sofort den Schreibstil erkennen, der leise aphoristisch, lakonisch im Temperament, mager im Dialog und die Fragmentierungen der Wirklichkeit auf eine Weise imitierend ist, die Gefahr läuft, zur Konvention zu werden. Indien ist feucht, vielfarbig und fiebrig, Sex wird unauffällig an das Ende von Absätzen angehängt, und das Alltägliche wird zu einem Mittel, um die Details zu vermehren:

Die Uhr an der Wand des Arztzimmers fordert meine Aufmerksamkeit. Der Stundenzeiger steht auf eins. Der Minutenzeiger ruht zwischen acht und neun. Die Konfiguration bleibt so für dreißig Minuten. Die Uhr ist ein verblassendes Überbleibsel einer anderen Zeit, abgebrochen, nie ersetzt.

Der ennui quillt aus dem Uninteressanten heraus, und ennui, so wird uns oft gesagt, ist eine interessante Form der Langeweile. Hier funktioniert das, aber an anderer Stelle fühlt sich die Pose ein wenig zu solipsistisch an: Ist Borborygmie interessant? An einer anderen Stelle sehen wir, wie Antara die chemische Zusammensetzung der Tabletten ihrer Mutter nachschlägt, die sie als “eine Reihe eleganter Sechsecke und ein Molekül Chlorwasserstoff, das wie ein Schwanz herunterhängt” beschreibt. Man sieht das Riff schon kommen. Klischees sind zwar nicht das schlimmste Verbrechen, aber hier wirken sie plump und machen die Figuren, in deren Mund sie vorkommen, weniger glaubwürdig, als sie sein könnten.

Während Doshis Prosa ansonsten bewundernswert geschmeidig und unangestrengt ist, wird das letzte Drittel des Romans etwas sackartig, als ob die Spannung, die die Geschichte im ersten und zweiten Teil straff gehalten hat, nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Das Ende ist eine Überraschung, aber weil diese vitale Energie etwas nachgelassen hat, wird es nicht mit dem nötigen Schliff geliefert. Stattdessen taumeln wir durch eine Szene, die zu generisch für ein so dicht konstruiertes Stück Fiktion wirkt.

Wie Meditationen über Familienbande das eigentlich so an sich haben, ist Bitterer Zucker für seine relative Kürze ausgesprochen umfangreich. Seine Sparsamkeit wird nicht allen Geschmäckern gerecht werden, aber die Sauberkeit des Schreibens, wenn es mit dem reißerischen Überfluss des Lebens kombiniert wird, ergibt ein seltsam bewegendes Stück Fiktion.

© Wamuwi Mbao

Wamuwi Mbao ist ein Essayist, Kulturkritiker und Akademiker an der Universität Stellenbosch. Folgt ihm auf Twitter.

Im Herbst erscheint “Bitterer Zucker“, die deutsche Übersetzung von Burnt Sugar, beim btb Verlag.

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Osazes Gedichtband ist eine düstere Anschuldigung gegen die Machthaber, die durch Vernachlässigung und Fehlverhalten nur Schmerz für die jetzige Generation übrig lassen.

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Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

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Literatur Uncategorized

Grenzen überwinden

Grenzen überwinden
von Joanna Woods

Was für radikal-emanzipatorische Zukünfte werden in Afrikas spekulativer Belletristik erdacht?

Die spekulative Belletristik in Afrika erlebt derzeit eine Renaissance. Für diejenigen, die “Who No Know Go Know” kennen – um das Motto der Kapstädter Plattform Chimurenga aufzugreifen – wird sie zu einem immer bedeutenderen Genre und es ist eine Herausforderung, mit der großen Bandbreite an Autor:innen und Texten, die sich mögliche Zukünfte in Afrika ausmalen, Schritt zu halten.
Indem sie Erzählungen nicht nur in Räumen außerhalb unserer realen Welt, sondern auch in ihr ansiedeln und Geschichten schreiben, die mythologische und futuristische Elemente vermischen, malen sich Afrikas spekulative Belletristik-Autor:innen vielfältige emanzipatorische Zukünfte aus.

In einem einleitenden Essay mit dem Titel “Afrofuturismus: Ayashis’ Amateki“, der 2018 in der Kurzgeschichten-Anthologie Intruders veröffentlicht wurde, lieferte die südafrikanische Romanautorin Mohale Mashigo eine Art Manifest für spekulative Belletristik-Autoren auf dem Kontinent. Darin verkündet sie, dass man sich mit dem Kontinent als Ganzem und dann mit den Besonderheiten spezifischer Orte, Kulturen und Sprachen in Afrika auseinandersetzen muss, um sich voll und ganz auf diesen Korpus an fiktionalen Werken einzulassen. Diese Proklamation nuanciert und konterkariert sogar einige der Grundsätze des Afrofuturismus, einer afroamerikanischen kulturellen Ästhetik, die im zwanzigsten Jahrhundert entstand.

Es mag eigentlich ganz selbstverständlich erscheinen (ist es aber nicht): Afrika steht im Mittelpunkt seiner spekulativen Belletristik. Und der einfache Akt der Zentralisierung des Kontinents hat ein entscheidendes emanzipatorisches Potenzial. “Waking Up in Kampala” (2016) des malawischen Schriftstellers Wesley Macheso beleuchtet diesen Punkt deutlich. Die Geschichte spielt in Kampala, dem sogenannten Silicon Valley Afrikas, im Zeitalter der Post-Technokalypse im Sommer des Jahres 2515. Während sich die Geschichte mit allerlei futuristischen Lebensformen auseinandersetzt, ist die Darstellung einer technologischen Übernahme, die die westliche Welt zerstört und Afrika zu einem einzigen großen Land vereint hat, die treibende Kraft der Geschichte. Afrika hat die Technokalypse mit Hilfe seiner “reichen natürlichen Ressourcen” (Macheso) bekämpft; tatsächlich ist es die führende Weltmacht. Hier arbeitet Macheso an der Umkehrung der globalen gesellschaftspolitischen Ordnung von heute, und damit imaginiert die Geschichte eine radikal veränderte Zukunft.

The Transcendence of boundaries

Dieser Artikel erschien zuerst auf englisch bei Africa is a Country. By Joanna Woods. What kinds of radical emancipatory futures are being imagined in Africa’s speculative fictions?

Interessant ist an dieser Stelle auch, dass die spekulative Fiktion zwar den Kontinent als Landmasse, als Ort, als einheitliche Macht in den Mittelpunkt stellt, aber auch die Menschen Afrikas als Kollektiv in die Zukunft projiziert. Natürlich gibt es einige starke Superheld:innengeschichten, die sich auf das Individuum konzentrieren, aber Konzepte wie ubuntu sind in spekulativen Texten im heutigen Afrika lebendig verwoben. Darüber hinaus könnte man auch hinzufügen, dass ein Großteil der spekulativen Fiktion daran arbeitet, die Dichotomie von dem Eigenen und dem Fremden aufzuheben – es scheint sehr wenig Interesse daran zu bestehen, einen weiteren “Anderen” in Afrikas vorgestellten Zukünften zu produzieren. In diesem Sinne ist die Zukunft inklusiv.

Die obigen Punkte tragen zu der Idee bei, dass spekulative Fiktion in Afrika in dominante Gegenwarts-Zukunfts-Narrative, die so oft vom Westen vorgeschrieben werden, eingreift und diese stört. Über die Zentralisierung Afrikas hinaus entwirren die Autor:innen des Genres also auch effektiv den Faden der Logik, der die Fortschrittserzählungen aufrecht erhält. Dies wird größtenteils durch die Unterbrechung der Linearität erreicht. Nehmen wir das Werk “Njuzu” des simbabwischen Autors Tendai Huchu als Beispiel: Huchus Geschichte spielt auf Ceres – dem landwirtschaftlichen Zentrum des Hauptasteroidengürtels -, aber sie bezieht auch den Shona-Wassermann ein, der in Seen und Flüssen leben soll. Hier werden verschiedene Erwartungen irritiert. Zum einen bricht die Geschichte sofort mit der linearen Zeitlichkeit, indem sie ein traditionelles Fabelwesen in eine futuristische Erzählung integriert, die auf einem Planeten im Weltraum spielt.

Neben der Existenz von Njuzu in der Zukunft ist auch die Verschmelzung von Spiritualität und Technologie in der Kurzgeschichte zentral. In einer Szene versammeln sich die Charaktere zu einer Zeremonie um Bimhas Teich, gesellen sich zu Trommlern und johlenden Frauen vor einem Hologramm von “Nyati, dem Büffel, dem Totem ihres Clans”. An diesem einfachen Ausschnitts sehen wir, dass Hologramm und Totem – Spiritualität und Digitalität, vergangene, gegenwärtige und zukünftige Zeitlichkeiten – miteinander verknüpft sind. Nyati – eine traditionelle heilige Figur – ist hier technologisch fortgeschritten und digital verbunden. Das hinterlässt bei den Leser:innen den starken Eindruck, dass Indigenität keineswegs ein Gegensatz zu Technologie oder Moderne ist. Letztlich verbindet Huchu scheinbar Unvereinbares zu einer radikal anderen, emanzipierten Zukunftswelt.

Nicht nur mythische Kreaturen sind in spekulativer Fiktion in Afrika von Bedeutung, sondern auch die Darstellung der Interaktion zwischen Mensch und Natur ist eine weitere interessante Art und Weise, in der sich Schriftsteller:innen eine radikal befreite Zukunft vorstellen. Man denke nur an die zahlreichen Werke der nigerianisch-amerikanischen Autorin Nnedi Okorafor. Allein in Lagoon (2014) finden wir verschiedene Meeresbewohner:innen, eine Fledermaus und eine Spinne. Über die bloße Darstellung hinaus besitzt jede dieser Kreaturen in Lagoon eine Ich-Erzählung. In ähnlicher Weise erzählen in Namwali Serpells The Old Drift (2019) Moskitos ihre Geschichte. Eine Libelle steht im Mittelpunkt von Wole Talabis Kurzgeschichte Incompleteness Theories (2019). Lauren Beukes’ Zoo City (2010) integriert verschiedene Tiere in die dystopische Landschaft von Johannesburg. Ein weiteres Beispiel ist die Kurzgeschichte A Butcher Fantasy von Stacy Hardy, die fragt: Wie wäre es, wenn ein Mensch in einer Kuh gefangen wäre? Was wäre, wenn die Rollen von Mensch und Tier vertauscht wären? Sich auf diese Weise mit Multispezies zu beschäftigen, indem man versucht, die Erfahrungen verschiedener Tiere zu verstehen und den Kreaturen in den Erzählungen eine Stimme zu geben, ist ein wesentlicher Schritt zur Anerkennung der nicht-menschlichen Handlungsfähigkeit auf der Erde; ein bedeutender Schritt in unserer heutigen Zeit hin zu einer nachhaltigeren Zukunft.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die imaginierte Zukunft in den spekulativen Fiktionen Afrikas nicht restriktiv ist. Im Gegenteil, sie ist offen, vielfältig, nicht-linear und letztlich auf die Überwindung von Grenzen ausgerichtet.

Abschließend sei gesagt, dass sich die obige Einschätzung vom Inhalt der spekulativen Fiktionen auf die Form überträgt. Nicht nur ist “spekulative Fiktion” eine weit gefasste Kategorie, auch die Form, in der viele Autoren spekulativer Fiktion ihre Werke heute veröffentlichen, trägt zu ihrem emanzipatorischen Potenzial bei. Indem sie einige der Grenzen überschreiten, die von einer Verlagsindustrie auferlegt werden, die weitgehend eine Gatekeeping-Rolle ausübt, indem sie in der Kurzform schreiben und zu einem großen Teil im digitalen Raum erscheinen, scheint der spekulative Text nicht so sehr durch einige traditionellere Verlagsstrukturen eingeschränkt zu sein. Dies trägt wesentlich dazu bei, die Erzählung der Zukunft auf interessante Weise zu diversifizieren, ja sogar zu emanzipieren.

Teile dieses Artikels basieren auf einem Beitrag von Woods in der Zeitschrift Scrutiny 2: Issues in English Studies in Southern Africa. Erlaubnis unter der Creative Commons License von Africa is a country.

Joanna Woods arbeitet derzeit an zeitgenössischer spekulativer Belletristik des südlichen Afrikas. Sie ist Doktorandin der Anglistik an der Universität Stockholm.

Bild mit zwei Frauen

Phases and Faces

Adulphina Imuede bringt in ihrer Kunst verborgene Elemente der afrikanischen Geschichte ans Licht und verdeutlicht ihr persönliches Lebensgefühl.

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Zakaria Mtilk

Each photo I choose is a return to Morocco, a vibrant gratitude towards this land so favourable to my visual, affective and emotional unfolding.

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Lyrik der Ratlosigkeit

Osazes Gedichtband ist eine düstere Anschuldigung gegen die Machthaber, die durch Vernachlässigung und Fehlverhalten nur Schmerz für die jetzige Generation übrig lassen.

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Literatur

Süsswasser

Süßwasser
Über die Metaphysik von Identität und Sein

Als sie (unser Körper) sich in die Welt hinaus gekämpft hatte, glitschig und lauter als ein Dorf aus Stürmen, blieben die Tore offen. Wir hätten inzwischen in ihr verankert sein müssen, schlafend in ihren Membranen, mit ihrem Bewusstsein verbunden. Das wäre der sicherste Weg gewesen. Aber weil die Tore offen standen und nicht verschlossen waren gegen die Erinnerung, waren wir verwirrt. Wir waren beides gleichzeitig, alt und neugeboren. Wir waren sie, und doch nicht. Wir waren nicht bei Bewusstsein, aber wir waren am Leben – genau genommen bestand das Hauptproblem darin, dass wir ein deutlich unterscheidbares WIR waren, statt ganz und ausschließlich SIE zu sein.

Süsswasser, S.12

Sie – das ist Ada. Ada wächst im Süden Nigerias aus und bereitet schon als Kind ihrer Familie Sorgen mit ihrer Unruhe, mit Wutausbrüchen und depressiven Phasen. Doch es soll sich herausstellen, dass sie nicht einfach nur launisch ist. Im College in den USA löst eine traumatische Erfahrung die Ausprägung multipler Persönlichkeiten in ihrem Kopf aus. Von nun an leben und sprechen in ihrem Inneren die Brüderschwestern, St. Vincent und Asughara. Ada gerät in den Hintergrund ihres eigenen Verstandes, während die anderen, mal maliziös, mal fromm, männlich und weiblich, hedonistisch, auto-aggressiv oder beschützerisch, die Kontrolle über ihr Leben übernehmen.

Doch der Roman verharrt keineswegs in dem altbekannten Narrativ der “verrückten Frau”, es geht auch nicht um die pathologische Ausschlachtung der Persönlichkeitsstörung.
Ada geht schließlich nicht an den Stimmen in ihrem Kopf zugrunde, sondern für sie sind sie auch Inspiration und Kraft. Emezi erforscht das singuläre Kollektiv oder das plurale Individuum in Adas Kopf mit Mitteln der Igbo-Kultur und bringt das Konzept des Ogbanje ins Spiel – Ada ist geboren “mit einem Fuß auf der anderen Seite”.

"Ogbanje" zu sein bedeutet jedoch, als "anders" kategorisiert zu werden und Alterität auf eine Art und Weise nach Hause zu bringen, die über das gewöhnliche, zweigeteilte "Anderssein" des Geschlechts hinausgeht. Wir könnten sogar spekulieren, dass Ogbanje-Kinder unter eine dritte Kategorie von Geschlecht fallen, die des menschlich aussehenden Geistes. Dieses Geschlecht ist von Geburt an markiert - wie der männliche und weibliche Status - durch besondere Verhaltensweisen gegenüber dem Kind und seine körperliche Ausschmückung. Die sexuelle Erscheinung des Ogbanje kann in der Tat als eine Täuschung angesehen werden - ein weiteres Versprechen, das der Ogbanje in seiner Weigerung, nach menschlichen Normen zu handeln, wahrscheinlich bricht."

Misty Bastian, “Irregular Visitors: Narratives about Ogbanje (Spirit Children) in Southern Nigerian Popular Writing.”

Adas verschiedene Persönlichkeiten, die Emezi mit distinkten Stimmen zum Leben erweckt, geben dem Buch Tiefe und Komplexität, die es in Kombination mit Emezis anmutiger Sprache und wilder Kraft zu einem äußerst intensiven und herzzerreißenden Leseerlebnis werden lassen.

Mit Süsswasser hat Akwaeki Emezi einen extrem kraftvollen und anrührenden, aber auch anspruchsvollen Debütroman geliefert, der Fragen von Identität und Sein auf erfrischende Weise erforscht.

© Akwaeke Emezi

Akwaeke Emezi ist Igbo- und tamilische Schriftsteller_in und Künstler_in. Geboren und aufgewachsen in Nigeria, erhielt Emezi einen MPA von der New York University und wurde 2015 mit einem Miles Morland Writing Scholarship ausgezeichnet. 2017 gewann Emezi den Commonwealth Short Story Prize für Afrika. Emezis Arbeiten wurden in verschiedenen Literaturmagazinen veröffentlicht, darunter Granta.

The Cut

Transition My surgeries were a bridge across realities, a spirit customizing its vessel to reflect its nature. By Akwaeke Emezi The robot was called a da Vinci. It was delicate, precise, inserted through my navel to slice my uterus and fallopian tubes into small unimportant pieces, which were then suctioned out of my body.

Wenn man die Idee eines essenziellen Selbst loslässt, sie nackt in die Brandung wirft und vom Meer forttragen lässt, dann verändert sich alles. Ohne sie nehmen Masken eine neue Dimension von Möglichkeiten an. Sie können verbergen, ja, aber wie der Zauberer sagt, können sie auch verdeutlichen, was wahr ist, genau so, wie eine Geschichte dir etwas besser erzählen kann, als es nackte Fakten jemals könnten. Sie können dich zusammenhalten wie eine straffe Zellophanbinde über gebogenem Metall, wie ein Blick über zwei Körper, ein gestärkter, in Gold gewickelter Knoten. Sie können Schmuck sein, Kleider als Kostüme, die den Körper verdecken, hell genug, um die Blicke darauf zu lenken.

Akwaeke Emezi in Dazed Magazine

Süsswasser ist im Eichborn Verlag erschienen.

Dazed Magazine: A visual and literary journey through Nigeria. Text by Akwaeke Emezi

Instagram: azemezi

Website: akwaeke.com

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Literatur

Literaturtipps für Weihnachten

Literaturtipps zu Weihnachten
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Verschenken oder selber Schmökern?

Für das Buchfest Weihnachten ist dieses Jahr einiges anders: das Coronajahr belastet nicht nur die Buchbranche, sondern wirft uns Leserinnen und Leser immer wieder auf uns selbst und in unsere eigenen vier Wände zurück. Nicht verzagen, denn glücklicherweise gibt es da ein Heilmittel: den Bücherkauf! Egal, ob ihr noch einen Roman zum Verschenken sucht oder euch selbst mit einer guten Lektüre verwöhnen wollt – es gibt mit Sicherheit das eine oder andere Werk von afrikanischen Autor:innen, das ihr noch nicht kennt. Hier empfehlen wir euch fünf tolle Bücher für die Festtagslektüre.

1. Wo wir stolpern und wo wir fallen

Abubakar Adam Ibrahim
Residenz Verlag
360 Seiten

Für den Drogendealer Reza ist der Einbruch in das Vorstadthäuschen der Witwe Binta Zubairu bloß die Routine eines heißen Vormittags. Einen Herzschlag später wissen beide: Das, was hier geschieht, dürfte nicht sein. Die Anziehungskraft, die sie erfasst, das Begehren, das ihnen selbst ein Rätsel bleibt, verstößt gegen alle Regeln der traditionellen muslimischen Gesellschaft der Stadt Jos. Und doch: Vor dem Hintergrund der politischen und religiösen Gewalt in Nigeria entfaltet sich die sinnliche, kämpferische und verzweifelt unmögliche Liebesgeschichte zwischen einer alternden Frau, die ihren Sohn verloren hat, und dem um 30 Jahre jüngeren Anführer der Gang des Viertels. Ein üppig erzählter Roman, das lebendige Porträt einer zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Gesellschaft.

Diese Geschichte über eine Amour fou ist nicht zuletzt dadurch so besonders, dass Ibrahim mit einem gesellschaftlichen Tabu bricht. Über Sexualität einer muslimischen Frau zu schreiben, ist in den Literaturen Afrikas, insbesondere in muslimisch geprägten Ländern, selten.

Ibrahims Roman ist zugleich ein Abbild der nigerianischen Gesellschaft. Zwei Welten prallen aufeinander: die im Islam verankerte Tradition eines Patriachats mit Polygamie und die afrikanische Moderne mit Smartphone, Telenovela, Sex, Drogen und Kriminalität. Für Letztere steht Reza, ein so skrupelloser wie sympathischer Gangleader, der mit Haschisch dealt, Polizisten besticht, geheime Aufträge für einen korrupten und machtgierigen Senator übernimmt.
Überschrieben hat Ibrahim die einzelnen Kapitel mit amüsanten nigerianischen Sprichwörtern: „Wer einen alten Mann verspeist, darf sich nicht beschweren, wenn er anschließend graue Haare spuckt.“
In kräftigen Farben und zarten Tönen erzählt Ibrahim von dieser schönen, verbotenen Liebe.

2. First Woman

Jennifer Nansubuga Makumbi
Oneworld Publications
448 Seiten, englisch

Kirabo ist ein wissbegieriges Kind. Sie hat noch mehr unbeantwortete Fragen als andere Mädchen in der Pubertät, von denen die größte und geheimnisvollste ist: “Wer ist meine Mutter?” In dem kleinen ugandischen Dorf Nattetta scheint ihr das niemand sagen zu wollen, am wenigsten die Großeltern, die sie ihr Leben lang geliebt und beschützt haben. Auch die flüchtigen Besuche ihres Vaters Tom, der in Kampala sein Unwesen treibt, bringen keine weiteren Erkenntnisse. So beschließt Kirabo, bereits tief verunsichert durch ihre Fähigkeit, ihren Körper zu verlassen und über ihre Nachbarschaft zu schweben, die Dorfhexe Nsuuta zu konsultieren.

Kirabo ist von starken Frauen umgeben. Ihre Großmutter, Tanten, Freund:innen und Cousins und Cousinen wollen alle, dass sie sich an die sozialen Normen anpasst, aber Kirabo ist neugierig, eigensinnig und entschlossen. The First Woman folgt Kirabo auf ihrem Weg, eine junge Frau zu werden und ihren Platz in der Welt zu finden, während ihr Land durch die Herrschaft von Idi Amin verändert wird.

Jennifer Makumbi hat eine mitreißende Geschichte von Sehnsucht und Rebellion geschrieben, zugleich episch und zutiefst persönlich, durchdrungen von einer berauschenden Mischung aus alter ugandischer Folklore und modernem Feminismus. Eine Lektüre, die nachklingt.

3. The Shadow-King

Maaza Mengiste
Canongate Books
428 Seiten

The Shadow-King stand dieses Jahr auf der Shortlist für den Booker Preis, existiert aber leider noch nicht auf deutsch. Die Geschichte spielt im Kontext des italienischen Einmarsches in Äthiopien in den 1930er Jahren, hat also einen historischen Hintergrund, von dem man hierzulande noch nicht allzu viel weiß.
Mengiste erzählt hier die Geschichte von Hirut, einem verwaisten jungen Mädchen, das von denen, die sich um sie kümmern sollten, im Stich gelassen wurde. Hirut wird von dem Freund ihrer Mutter, Kidane, aufgenommen und ist eine Dienerin in seinem Haushalt, wo sie von den unberechenbaren Eifersüchteleien und Launen seiner Frau Aster gequält wird.

Aber ihr Leben wird nicht dasselbe sein, das Generationen vor ihr gelebt haben. Der Krieg steht vor der Tür, und Hirut beobachtet, wie Kidane Waffen sammelt und eine lokale Miliz aufbaut, um der italienischen Invasion zu begegnen. Mengiste folgt diesen Ereignissen, während die Italiener immer näher an ihre Gemeinde herankommen und sich zuhause die Spannungen zwischen Aster und Kidane verschärfen. Mit der Zeit spielen sie alle eine Rolle, wobei Aster eine überraschende Führungsrolle übernimmt und Hirut sich als geschickte Kämpferin erweist. Die Miliz, mit Frauen und Kindern in unterstützenden Rollen, bereitet sich auf den Kampf vor, versteckt sich in Höhlen, versucht, den Verwundeten zu helfen und kommt der endgültigen Begegnung mit den Italienern immer näher.
Der Oman ist eine großartig gestaltete und unaufdringliche Erkundung weiblicher Macht, mit Hirut als grimmiger, origineller und brillanter Stimme im Zentrum. Maaza Mengiste haucht den komplizierten Charakteren auf beiden Seiten der Kampflinie Leben ein und formt eine herzzerreißende, unauslöschliche Erkundung dessen, was es bedeutet, eine Frau im Krieg zu sein.

4. Mädchen, Frau, etc.

Bernardine Evaristo
Klett-Cotta Verlag
512 Seiten

Leider erscheint die deutsche Übersetzung erst im Januar 2021, aber die englische Ausgabe ist ja auch im deutschen Buchhandel zu erhalten. Evaristos Roman wurde 2019 mit dem Booker Preis ausgezeichnet. In Girl, Woman, Other werden die Geschichten 12 verschiedener Frauen erzählt, deren Lebenswege sich auf unterschiedlichste Weise kreuzen. Da sind zum Beispiel Amma, eine junge Dramatikerin, deren Werke häufig ihre eigene Identität als schwarze, lesbische Frau thematisieren; Shirley, Ammas gute Freundin, deren Arbeit als Lehrerin an Londoner „Problemschulen“ sie völlig ausgelaugt hat; Carole, eine ehemalige Schülerin von Shirley, aus der eine erfolgreiche Investmentbankerin geworden ist, sowie deren Mutter Bummi, die einst vor der großen Armut in ihrem Heimatland Nigeria floh. Bei allem, was diese Figuren voneinander unterscheidet, gibt es aber doch etwas, das sie miteinander verbindet … Evaristo erzählt humorvoll, warmherzig und schlagfertig von Themen wie Klassenunterschiede, Rassismus, Identität und Frausein. Ein must-read!

5. Das Weinen der Vögel

Chigozie Obioma
Piper Verlag
512 Seiten

Das Chi, also der Schutzgeist des jungen Geflügelbauern Chinonso ruft die Götter an. Hat sein Schützling nicht alles für seine große Liebe Ndali getan? Hat er ihr auf der Brücke nicht das Leben gerettet? War es nicht ihre Familie, die Chinonso, den ungebildeten Farmer, mit Verachtung reizte? Erst diese Verachtung trieb ihn doch nach Zypern, fort von der Heimat, in der Hoffnung auf Bildung, Aufstieg und eine Zukunft mit Ndali. Und wurde nicht erst während dieser Reise Hoffnung zu Wut und Liebe zu Schuld?
Fest in der nigerianischen oralen Tradition verwurzelt, erzählt Chigozie Obioma eine universelle Geschichte, von einem, der sich gegen sein Schicksal stemmt – und gegen die gesellschaftlichen Barrieren, die seiner Liebe im Weg stehen. Das Weinen der Vögel erzählt eine so klug konzipierte und komponierte wie mitreißende und zu Herzen gehende Liebesgeschichte, die einerseits zugleich auch von nigerianischer Zeitgeschichte gesättigt ist, wie sie andererseits die Kultur und die Kosmologie des Volks der Igbo in der Struktur des Romans verankert.
Mit seinem eindrucksstarken und spannungsvollen Roman bekräftigt Chigozie Obioma seinen Ruf als eine der wichtigsten literarischen Stimmen aus der afrikanischen Diaspora.

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Literatur

Wir brauchen neue Namen

Wir brauchen neue Namen
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Von einer Kindheit im simbabwischen "Paradise"

Der Roman “Wir brauchen neue Namen” der jungen simbabwischen Schriftstellerin NoViolet Bulawayo begleitet eine Gruppe rotzfrecher Kinder aus der Barackensiedlung Paradise durch ihre äußerst prekäre Kindheit.

Paradise besteht nur aus Blech

Die zehnjährige Darling lebt in einer Hüttensiedlung in Bulawayo, der zweitgrößten Stadt Simbabwes, und vertreibt sich ihre Tage zusammen mit ihren fünf besten Freunden mit abenteuerlichen Spielen auf den staubigen Straßen des Viertels. Die Kinder gehen nicht mehr zur Schule, weil ihre Eltern sich Uniform und Schulgebühren nicht leisten können. Um den hungrigen Bauch zu füllen, schleichen sich die Kinder ins Nobelviertel Budapest, um Guaven von den Bäumen zu stehlen, oder lassen sich von Weißen, die für NGOs arbeiten, T-Shirts schenken, auf denen Google steht. Ihre Sprache ist rau und angesichts der Widrigkeiten, die ihnen täglich begegnen, sind sie unsentimental und pragmatisch. Sie lassen niemanden ihrer Gruppe zurück, auch nicht die schwangere Freundin Chipo, die von ihrem Großvater vergewaltigt worden ist:

Heute werden wir ein für alle Mal Chipos Bauch los. Erstens stört er beim Spielen, und wenn wir zulassen, dass sie das Baby kriegt, wird sie zweitens einfach sterben.
Wir schleichen aus der Siedlung raus, weil die Erwachsenen nichts mitkriegen dürfen. Die Jungs, Bastard und Godknows und Stina, sind diesmal auch ausgeschlossen, weil das hier nun mal Frauensache ist, also sind nur ich und Shbo und Forgiveness dabei.
Wir machen es unter dem Mphafa-Baum hinter Heavenway; der hat einen schönen großen Schatten. Shbo breitet erst mal das Ntsaro von ihrer Mutter auf dem Boden aus. Sie erzählt nicht, wie sie an das Ntsaro gekommen ist, aber sie hat es garantiert geklaut, keine Mutter in Paradise gibt ihre Sachen her, damit sie im Dreck landen. Chipo verliert keine Zeit, vielleicht, weil sie Angst vorm Sterben hat; sie legt sich sofort flach mit dem Rücken auf das Ntsaro und blinzelt in die Sonne.
Ich sammel schon mal kleine Steine, und als ich etwa sieben habe, überlege ich es mir anders. Ich werf sie weg und sammel mittelgroße. Was genau wir mit den Steinen anfangen wollen, weiß ich noch nicht, aber keiner fragt nach und keiner hält mich auf, also sammel und sammel ich weiter.

Aus Wir brauchen neue Namen, Kapitel 6

Die Kinder sind neben Hunger, fehlender Schulbildung und instabilen Familienverhältnissen auch den Auswirkungen des Gewaltregimes der späten Mugabe Herrschaft ausgesetzt: Bulldozer kommen immer wieder an und zerstören Hütten in Paradise. Tatsächlich ließ die Regierung Mugabes in sogenannten “Müllentsorgungoperationen” (Operation Murambatsvina) ab 2005 illegal gebaute Häuser und Marktstände in Harare, Bulawayo und anderen Städten mit Schubraupen und Radladern zerstören und niederbrennen. Mehr als drei Millionen Menschen waren direkt oder indirekt von dieser Operation betroffen.

Voller Energie, Witz und Kaltschnäuzigkeit schlagen sich die Kinder durchs Leben, bis Darling, als sie 14 ist, zu ihrer Tante nach Detroit in Michigan geschickt wird.

Enttäuschung in Amerika

Hier beginnt der zweite Teil des Romans, der durch Stimmung, Sprache und Szenerie deutlich macht, dass das Leben in Amerika eine herbe Enttäuschung für Darling ist. Obwohl es in “Destroyedmichigan”, wie die Freunde von zuhause sagen, genug zu essen gibt, quälen sie immer wieder Heimweh und Fragen von Identität und Zugehörigkeit. Es ist kalt und Darling fühlt sich nicht willkommen, nicht einmal der viel gepriesene Schnee kann sie begeistern:

Draußen schaufeln sie Schnee weg, weil so viel gefallen ist. Ich finde es gut, dass sie ihn wegschaufeln, es ist einfach zu viel Weiß, als hätte jemand dem Schnee gesagt, dass die anderen Farben gar nicht zählen. Ich glaube, eine hübsche Farbe wie beispielsweise Lila oder Rosa oder meinetwegen Regenbogen wäre wenigstens interessant anzuschauen.

Aus Wir brauchen neue Namen, Kapitel 11

Auch in den USA sind Gewalt und Härte allgegenwärtig, nur drücken sie sich als Rassismus und Vorurteile gegenüber Afrikaner:innen aus. Auch dort jedoch trotzt Darling den Widerständen mit der Resilienz, die sie in ihrer Kindheit gewonnen hat.

Die zwei Teile des Buches werden durch ein Kapitel, das einen Klagegesang auf die Auswanderung von Simbabwer:innen darstellt, getrennt, der die Schmerzen der Auswanderung und des Lebens in der Diaspora in poetische Worte fasst:

Seht, wie die Kinder in Scharen gehen, ihr eigenes Land verlassen mit blutenden Wunden am Leib und Entsetzen auf dem Gesicht und Blut im Herzen und Hunger im Bauch und Kummer in den Beinen. Ihre Mütter und Väter und Kinder zurücklassen, ihre nabelschnüre im Boden, die Knochen ihrer Vorfahren in der Erde, alles, was sie ausmacht, sie zu dem macht, wer und was sie sind, weil sie unmöglich bleiben können. Nie wieder werden sie sein wie jetzt, denn man bleibt nicht derselbe, wenn man zurücklässt, wer und was man ist, man bleibt nicht derselbe.

Aus Wir brauchen neue Namen, Kapitel 10

Bulawayos fulminantes Debüt

Sprachlich brillant, lebendig und selbstbewusst schafft es Bulawayo, die authentische Stimme eines jungen Mädchens, das im repressiven und wirtschaftlich am Boden liegenden Simbabwe nach der Jahrtausenwende aufwächst, zu zeichnen. Auch wenn der zweite Teil des Romans nicht so stark ist wie der erste, ist das Buch eine absolut empfehlenswerte Lektüre.

Bulawayos Pseudonym (in Wirklichkeit heißt sie Elisabeth Zandile Tshele) setzt sich übrigens zusammen aus der Sehnsucht nach ihrer Mutter und ihrer Geburtstadt Bulawayo: Die Vorsilbe “No” kommt aus dem Ndebele und heißt “mit”, und Violet war der Vorname ihrer Mutter, die starb, als Bulawayo 18 Monate alt war.

Wer hören möchte, wie Bulawayo selbst über ihren Roman spricht, über die Namen, um die es im Buch geht, über das Schreiben aus der Ferne heraus und über die Grenzen von Sprache, dem sei das folgende Video empfohlen:

Hier geht es zur Website von NoViolet Bulawayo.

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