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Musik

Ein neuer Stern am südlichen Himmel

Ein neuer Stern am südlichen Himmel
von Liam Brickhill

Genie und Perfektion sind keine Synonyme, sondern können sogar sehr gegensätzlich sein. Das Streben nach Perfektion ist zielgerichtet. Es ist ein monolithischer und manchmal sogar zerstörerischer Impuls. Wahrhaft virtuoses künstlerisches Streben hingegen erfolgt nicht nach Diktat. Es ist heterodox. Es ist ein Akt der Schöpfung. Mit dem Album UMDALI (was so viel wie Schöpfer bedeutet) hat der südafrikanische Musiker Malcolm Jiyane die volle Blüte seines rätselhaften Genies gezeigt und tritt zum ersten Mal als Bandleader auf. Auf dem Album dirigiert er seine Band, das Malcolm Jiyane Tree-O, zu einer kaiserlichen musikalischen Alchemie mit einem perfekt unvollkommenen Stück südafrikanischen Jazz.

Die Entstehungsgeschichte des Albums erzählt von den kleinen, alltäglichen Wundern, die das Leben ausmachen, während alle darauf warten, dass es passiert. Ende 2020, als Jiyane wegen Lockdowns und Nichtstun am Boden war, bot ihm das Label Mushroom Hour Half Hour die Möglichkeit, ein Album aufzunehmen (Mushroom Hour stand auch hinter der Veröffentlichung des Soundtracks zu Sifiso Khanyiles Dokumentarfilm UPRIZE! im Oktober 2020 – ein Projekt, an dem Jiyane im Rahmen von Spaza teilgenommen hatte). Doch bevor sich Tree-O für eine zweite Aufnahmesession im Jahr 2021 versammelte, entdeckte Toningenieur Peter Auret ein weiteres Album, das die Band 2018 aufgenommen und auf Eis gelegt hatte. Das Team entschied dann, dass die Zeit für dieses erste Album gekommen war, und so wurde es nun veröffentlicht.

UMDALI album cover
Albumcover UMDALI

Aber große Geschichten haben tiefe Wurzeln, und dieses Album ist die Krönung einer Reise, die vor Jahrzehnten begann. Jiyane wuchs in einem Ort namens Kid’s Haven auf, einem Heim für gefährdete Kinder in Benoni. Eines Tages, so die Geschichte, brachte der legendäre Erzieher und Musiker Dr. Johnny Mekoa seine Big Band mit, um für die Kinder zu spielen. Jiyane hörte ihre Interpretation von „Bags‘ Groove“ und das war’s. Im Alter von 13 Jahren trat er als Schlagzeuger in Mekoas Music Academy of Gauteng ein, und als Erwachsener wurde er zu einem der fleißigsten und umtriebigsten Jazzer in der Joburg-Szene. Als Multiinstrumentalist und multidisziplinärer Kreativer war er eine feste Größe in Steve Kwena Mokwenas Veranstaltungsort Afrikan Freedom Station.

UMDALI selbst wurde 2018 in zwei Tagen produziert und aufgenommen (und drei Jahre später innerhalb von drei Wochen gemischt und gemastert). Mokwena war maßgeblich an dem Prozess beteiligt und erklärt in den Liner Notes des Albums, dass es eine „ehrliche Momentaufnahme“ von Jiyanes Lebensumständen während der Aufnahmen ist: Jiyane hatte den Tod seines Mentors Mekoa und seines Bandkollegen Senzo Nxumalo sowie die Geburt seiner Tochter zu verkraften, deren Bild das Albumcover mit zarter Würde ziert. „Diese lebensverändernden Ereignisse prägen das emotionale Register der Musik und ihre thematischen Anliegen“, schreibt Mokwena.

Africa is a Country

Dieser Artikel erschien im Original auf englisch unter dem Titel “A new star in the southern sky” bei Africa is a Country.

So gibt die erste Strophe von „Senzo seNkosi“, dem ersten Stück des Albums, das Nxumalo gewidmet ist, mit einem elegischen Schwung den Ton an, ein Requiem mit Holz- und Blechbläsern. „Umkhumbi kaMa“ lässt das Schlagzeug in den Vordergrund treten, erhöht das Tempo und verleiht ihm eine suchende, rastlose Energie. Es ist ein Lied, das zeigt, warum Jazz und Funk gut mit anderen zusammenspielen, sich aber geschwisterlich nahestehen.

„Ntate Gwangwa’s Stroll“ ist eine langsame Blues-Hommage an Jonas Gwangwa, den verstorbenen Posaunisten, der Südafrikas Kampf um Freiheit und kulturellen Ausdruck während der Apartheid künstlerisch verkörperte und ein weiterer Mentor von Jiyane war. Auf dem Album triefen die Bläsersätze über der nachdenklichen Perkussion und verteilen sich wie roher Honig über dampfendem UJeqe.

„Als ich anfing, Posaune zu spielen“, erklärt Jiyane, „waren die Spieler, die ich studierte und denen ich zuhörte, keine Südafrikaner: JJ Johnson, Curtis Fuller, Albert Mengelsdorf und andere. Dann begann ich, südafrikanische Posaunisten zu recherchieren, und was ich im Werk von Mosa Jonas Gwangwa fand, hat mich umgehauen. Was Ntate Jonas als Komponist, Arrangeur, Produzent und Freiheitskämpfer geleistet hat, liegt mir sehr am Herzen. Wir sind aus demselben Holz.“

„Life Esidimeni“ erzählt von der unfassbaren Tragödie des Todes von 143 Menschen durch Verhungern und Vernachlässigung in den staatlichen psychiatrischen Einrichtungen Südafrikas. Der Refrain „lendaba ibuhlungu“ (diese Geschichte ist schmerzhaft) erklingt in einem Lied, das Solidarität mit den von der Gesellschaft Vergessenen ausdrückt und sich zu einem Crescendo steigert, das eine Katharsis vollzieht, die so überschwänglich ist, dass sie fast wie ein Wunder wirkt und alles mit sich trägt – Trauer, Schmerz, Liebe, Schönheit – in einer großen, humanisierenden Flut.

Das Album schließt mit „Moshe“, einem Song, der so schön ist, dass er sich jeglichen Worten entzieht, die ich ihm entgegenhalten könnte. Es genügt zu sagen, dass der Gesang des Stücks unerwartete Perspektiven eröffnet und in Tönen spricht, die eine direkte Verbindung zu der Universalität im Kern aller Musik bieten. Phrasen, die zuvor nur angedeutet wurden, finden hier ihren vollen Ausdruck, und der Ruf und die Antwort zwischen den verschiedenen Instrumenten katalysiert etwas Elementares, wie der Wind, der zum Feuer spricht, wie das Wasser, das Gedichte für die Erde schreibt.

Und in all dem – fünf Songs in knapp 45 Minuten – wird das Album von Fingern unterbrochen, die auf den Basssaiten kratzen, dem Atem des Lebens, der durch Blasinstrumente entweicht, und Jiyanes eigenen spontanen Ausrufen und Ermutigungen. Das alles erinnert an die japanische Ästhetik des Wabi-Sabi, eine Weltanschauung, die sich auf die Schönheit und Akzeptanz von Vergänglichkeit und Unvollkommenheit konzentriert. UMDALI wird durch seine winzigen, organischen Unvollkommenheiten zum Leben erweckt und ist so unwahrscheinlich und wundersam wie ein Gänseblümchen aus Barberton, das auf einem rissigen Bürgersteig in Benoni blüht.

Dies ist sowohl ein Jazzalbum als auch ein belauschtes Gespräch zwischen Künstlern, ein musikalischer Dialog. UMDALI ist der Soundtrack zu Mentorschaft, Kameradschaft und enger Verbindung. Es entzieht sich den einschränkenden Fesseln des Genres und der Erwartungen und zeigt, dass das größte Geschenk der Älteren nicht didaktisch oder dogmatisch ist, sondern emanzipatorischer Natur. Es zeigt uns, dass Talent – und Genie – sich durchsetzen werden. Es gibt einen neuen Stern am Südhimmel.

Liam Brickhill ist Teil der Gründungsgruppe der Africa Is a Country Fellows.

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

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Film Literatur

Kleines Land

Kleines Land
von Mathijs Cazemier

Am 7. April 2022 war es 28 Jahre her, dass der Völkermord in Ruanda begann. In Petit Pays (Kleines Land) bietet Gaël Faye einen neuen Blick auf die Ereignisse, mit besonderem Schwerpunkt darauf, wie der ethnische Konflikt in den burundischen Bürgerkrieg überging. Das Buch, das aus der Perspektive eines in Burundi lebenden ruandisch-französischen Jungen geschrieben wurde, hinterfragt falsche Vorstellungen über die Zeit, die zu der Tragödie führte, und beleuchtet die komplexen psychologischen Dimensionen des Völkermords. Zwischen Melancholie, Terror und Desillusionierung bietet Petit Pays einen bahnbrechenden und aufschlussreichen Blick auf eine der dunkelsten Seiten der afrikanischen Geschichte, die im Westen oft missverstanden wird.

In der frankophonen Welt ist Faye als Plattenkünstler bekannt. Sein gleichnamiger Song „Petit Pays“ aus dem Jahr 2011 wurde von einem farbenfrohen Musikvideo begleitet, das in den üppigen Hügeln von Burundi gedreht wurde. Der Song ist eine Fortsetzung von Protagonist Gabys Geschichte und beschreibt seinen Kampf, sich von seinen traumatischen Erlebnissen in Burundi zu erholen, wobei das Schreiben seine einzige Flucht vor der Vergangenheit darstellt. In dem Lied beschreibt Faye, wie Völkermorde eine komplexe Kombination aus Wut und Schuld bei Überlebenden wie Gaby hervorrufen, die sich oft zwischen „Selbstmord und Mord“ befinden. Das Schreiben ist ein sicherer und neutraler Weg, sich diesem Trauma zu stellen und die psychologischen Verwicklungen des Völkermordes in einer Welt, in der eine nach gut und böse aufgeteilte Interpretation der historischen Ereignisse die Norm ist, nach außen zu tragen.

Eine filmische Interpretation des Romans kam 2020 in die Kinos. Der Film, bei dem Eric Barbier Regie führte, wurde von der Kritik gelobt und bildet die letzte Facette von Fayes multimodalem Werk Petit Pays.

 

Der Roman ist das Herzstück dieses Projekts. Trotz seines fiktionalen Charakters ist die Hauptfigur, ein 11-jähriger Junge mit dem Spitznamen Gaby (kurz für Gabriel), unverhohlen von Fayes eigener Kindheit inspiriert. Gaby lebt in Kinanira, einem wohlhabenden Expat-Viertel in Bujumbura, mit seinem Vater, dem Familienkoch Prothé, dem Fahrer Innocent und seinen Freunden, mit denen er in einem verlassenen Volkswagen Kombi gerne Mangos isst. Die ersten Kapitel des Buches sind von Freude und Melancholie durchdrungen, während der Leser die Emotionen und Empfindungen dieses Kindes kennenlernt, das sich nur mit Entdeckungen und Schatzsuche beschäftigt. Von der Entdeckung der Wunder des Tanganjikasees bis hin zum Besuch verlassener Palmölfabriken wird Gabys Kindheit im Kontrast zu den alltäglichen Nöten der Burunder als bunte Anomalie inmitten der grassierenden Armut des Landes geschildert. Gabys Blase hat jedoch nicht dauerhaft Bestand; sie zerplatzt schließlich nach der Trennung seiner Eltern und dem Staatsstreich, der den neu gewählten Präsidenten Melchior Ndadaye am 21. Oktober 1993 stürzte.

Africa is a Country

Dieser Artikel erschien im Original auf englisch unter dem Titel “the missing pieces” bei Africa is a Country.

Im burundische Bürgerkrieg, der oft von den Ereignissen in Ruanda überschattet wird, standen sich ebenfalls eine Hutu-Mehrheit und eine Tutsi-Minderheit (zu der Gabys Mutter gehört) gegenüber. In der zweiten Hälfte des Romans wird Gaby mit neuen Realitäten konfrontiert. In einem politischen Kontext, in dem er als ethnischer Tutsi gezwungen ist, Partei zu ergreifen, wird Gaby von Desillusionierung, Misstrauen und Zweifeln geplagt. In dem Maße, in dem ethnischer Hass den öffentlichen Diskurs zu durchdringen beginnt, ändert sich Gabys Haltung gegenüber seinen Verwandten, Freunden und Bekannten. Indem sich Gaby im Laufe des Romans allmählich politisiert, wendet sich Faye gegen das Missverständnis, der Konflikt zwischen Hutus und Tutsis sei einfach aus heiterem Himmel entstanden. Stattdessen beleuchtet der Autor die umfangreiche Propaganda zur Spaltung der Bevölkerung und die komplexen psychologischen Manipulationen, die von den verschiedenen Akteuren des Völkermords – von den Regierungen bis zur Zivilgesellschaft – durchgeführt wurden. Westliche Historiker, Politikwissenschaftler und Organisationen wie Human Rights Watch haben oft behauptet, dass der Völkermord hätte verhindert werden können, wenn die internationalen Akteure härter durchgegriffen hätten. Dies ist sicherlich richtig, aber der Völkermord fand nicht im luftleeren Raum statt, und das Ausmaß der Ereignisse zu begreifen, war laut Faye damals eine komplexe Aufgabe.

Petit Pays Filmplakat

Der Roman hilft den Leser:innen, diese Komplexität zu begreifen: Sein Ich-Erzählstil ermöglicht es, in Gabys physische und psychologische Umgebung einzutauchen. Als Leser:in können wir uns in alle Bemühungen Gabys einfühlen – als wären wir selbst indirekt davon betroffen – selbst wenn er auf den letzten Seiten des Romans gezwungen wird, einen Hutu-Mann zu ermorden. Dennoch vermeidet Faye eine übermäßige Verwendung melodramatischer Sprache und entscheidet sich bewusst dafür, einen realistischen Roman zu schreiben. Seiner Meinung nach ist der Völkermord ein Ereignis, das die Literatur nicht in seiner Gesamtheit beschreiben kann. Gabys Verständnis des Völkermords ist daher sehr begrenzt und beschränkt sich auf seine persönlichen Erfahrungen – und damit auch auf das der Lesesenden.

Afrikanische historische Ereignisse wie der Völkermord in Ruanda und der Bürgerkrieg in Burundi werden allzu oft durch die Brille der westlichen Welt betrachtet. Die Erinnerung an diese Ereignisse ist daher von einer europäischen Voreingenommenheit geprägt, während neue Stimmen und Interpretationen es schwer haben, an die Oberfläche zu gelangen. Geschichte ist viel mehr als nur eine lineare, einseitige Zeitachse, und neue Erzählungen wie die von Gaby wurden oft aufgrund von Ethnie, Geschlecht oder Nationalität ausgeklammert. Das ist ein Fehler, denn Werke wie Petit Pays ermöglichen es uns, Geschichte neu zu denken und die gängige Art des Erinnerns zu hinterfragen. Es müssen gemeinsame Anstrengungen unternommen werden, um diesen neuen Erzählungen mehr Gewicht zu verleihen, denn sie sind entscheidende fehlende Teile des Puzzles, das wir Geschichte nennen.

Mathijs Cazemier ist Student an der Universität Leiden (Niederlande) und Mitbegründer des Kunst- und Medienblogs BetweenUs.

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

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Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

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Film

Verfluchte Erbstücke

Verfluchte Erbstücke
von Tsogo Kuba

Vor zwei Jahren schrieb ich einen Artikel über die afrikanische Netflix-Serie Queen Sono, in dem ich meine Bedenken über die Zukunft von Netflix in Südafrika äußerte. Meine Einschätzung war, dass Queen Sono tapfer versuchte, das eindeutig amerikanische Genre des Spionagethrillers in ein südafrikanisches Umfeld zu übertragen, das, so gut es auch gemeint war, die erwarteten Ungereimtheiten bei der Adaption des Genres in einem Kontext, der räumlich und zeitlich weit von seinem Ursprung entfernt ist, nicht überwinden konnte. Die Schwächen von Queen Sono scheinen einen breiteren Trend widergespiegelt zu haben, der vor allem in Film und Fernsehen auftritt, aber auch in anderen Kulturindustrien zu beobachten ist, wo die südafrikanische Kunst unter dem Einfluss der amerikanischen kulturellen Hegemonie mit ihrer eigenen Identität ringt. Die südafrikanischen Netflix-Originals der nachfolgenden Jahre haben meine Befürchtungen nicht widerlegt. Vielmehr noch haben sie einen Elefanten im Raum beleuchtet, den ich bei der Bewertung von Netflix‘ Eindringen übersehen hatte – nämlich die Dominanz von Seifenopern in der südafrikanischen Fernsehindustrie.

Südafrikas erste Seifenoper der demokratischen Ära, eGoli: City of Gold, wurde 1992 erstmals ausgestrahlt und bald darauf von der berühmteren Generations abgelöst, die von der South African Broadcasting Corporation (SABC), der öffentlichen Rundfunkanstalt des Landes, in Auftrag gegeben wurde. Während des demokratischen Übergangs bemühten sich die SABC und der Privatsender M-Net um die Förderung und Darstellung eines positiven und multi-ethnischen Südafrikas, indem sie die Schwarzen Südafrikaner:innen als wohlhabend und aufstrebend darstellten und sie beruflich und gesellschaftlich mit anderen Rassen zusammenführten. Die „Soapies“ dieser Zeit stellten ein neues Südafrika dar und zeigten, wie die neuen Südafrikaner:innen darin aussehen könnten. Obwohl Seifenopern oft keine gesellschaftspolitische Bedeutung beigemessen wurde, fungierten sie für viele Südafrikaner:innen als soziokulturelle Barometer. Neuere Interpreten lokaler Soaps erforschen die Lebenserfahrungen und brisanten Themen, die den Durchschnitts-Südafrikaner betreffen, und erzielen dabei hohe Einschaltquoten bei öffentlichen und privaten Sendern. Soaps sind im gesellschaftlichen Leben allgegenwärtig, und das Publikum entwickelt folglich parasoziale Beziehungen zu den Figuren und Handlungssträngen einer Soap. Die Episoden des Vorabends sind in vielen Bereichen des südafrikanischen Lebens Gesprächsthema – vom Taxistand über den Schulhof bis zur Kantine am Arbeitsplatz. Diese eingefleischte Zuschauerschaft ermöglicht es den Sendern, teure Werbung zur Hauptsendezeit zu verkaufen, was enorme Gewinne einbringt.

Es überrascht nicht, dass die Zahl der Soaps in Südafrika im Laufe der Jahre exponentiell gestiegen ist. Heute haben vier der fünf frei empfangbaren SABC-Kanäle eine Reihe von Soaps im Programm, die zur Hauptsendezeit ausgestrahlt werden. Seifenopern belegen derzeit die ersten zehn Plätze der meistgesehenen Fernsehprogramme des Landes. Der Großteil der Zuschaueranteile im südafrikanischen Fernsehen beruht auf dem Modell der Seifenoper. Es ist schwer zu glauben, dass diese Situation rein zufällig ist. Da die SABC exponentiell Geld verliert – aufgrund der Misswirtschaft von Führungskräften des Senders bis hin zu unabhängigen Produktionsfirmen -, bleiben die Seifenopern eine der beständigsten Einnahmequellen für den angeschlagenen Sender und immer noch ein Grundpfeiler der südafrikanischen Industrie.

Wenn es um Gewinnmaximierung durch Inhalte geht, ist Netflix nicht unerfahren. Nachdem sich das Unternehmen mit seinen relativ gewagten und von der Kritik gefeierten Serien (darunter House of Cards, Orange is the New Black, Stranger Things und Black Mirror) einen Namen gemacht hat, scheint es in letzter Zeit vor allem darum zu gehen, eine Flut von Inhalten zu produzieren, um seine Plattform zu unterstützen. Da sich immer mehr Sender von Netflix abspalten, um ihre eigenen Streaming-Plattformen zu starten (Disney+, Peacock, HBO Max), und neue konkurrierende Anbieter auf den Markt drängen (Apple TV, Amazon Prime), werden die Regeln des Wettbewerbs weniger durch den Kampf „echte Kunst gegen Inhalte zur Unterstützung einer Plattform“ bestimmt. Vielmehr geht es darum, so viele Inhalte wie möglich anzubieten – eine Veränderung, die durch die COVID-19-Pandemie und die Aufholjagd von Netflix gegenüber einer zunehmenden Zahl größerer und etablierterer Sender wie NBC und Disney, die über eingebaute Kataloge mit beliebten Serien und Filmen zur Unterstützung ihrer Streaming-Plattformen verfügen, vorangetrieben wurde. Angesichts der Tatsache, dass das Publikum viel mehr verfügbare Zeit und weniger verfügbares Einkommen zur Verfügung hat, sowie der zunehmenden Konkurrenz auf einem Markt, den Netflix einst monopolisiert hat, scheint Netflix davon auszugehen, dass sich die Zuschauer weniger um die Qualität dessen sorgen, was sie sehen, als vielmehr um die Quantität des Angebots.

Africa is a Country

Dieser Artikel erschien im Original auf englisch unter dem Titel “Cursed heirlooms” bei Africa is a Country.

Südafrikanische Filmemacher:innen haben eine vertrauensvolle Beziehung zu Netflix aufgebaut, indem sie mit dem von lokalen Trends unabhängigen Unternehmen Serien entwickeln und produzieren. Für Netflix dient die Partnerschaft nicht nur der Ergänzung seines globalen Content-Streams, sondern Südafrika scheint ein perfekter Weg zu sein, da seine eigene Industrie der effizienten Maximierung von Inhalten Priorität eingeräumt hat – ein offensichtlicher Übergang zur Streaming-Industrie. In den späten 2000er und frühen 2010er Jahren entwickelte sich das Fernsehen zu einem immer stärker von Autoren geprägten und dramaturgisch fesselnden Format. Das amerikanische Fernsehen zog Hollywood-Schauspieler, Autoren und Regisseure an, die Budgets wuchsen, die Laufzeiten wurden länger und die Erzählweise reifte. Der kleine Bildschirm begann, nuancierte, moralisch zweideutige und psychologisch reichhaltige Charaktere zu zeigen, die in komplexe und sorgfältig ausgearbeitete Geschichten eingebunden waren. Prestige-Dramen und anspruchsvolle Komödien wie Breaking Bad, Atlanta, Girls, The Sopranos und viele andere zeigten Zuschauer:innen, Kritiker:innen und Produzent:innen gleichermaßen, dass der kleine Bildschirm seinem großen Pendant in künstlerischer Hinsicht ebenbürtig sein konnte. Zwar spricht vieles dafür, dass einige der Elemente dessen, was umgangssprachlich als „Peak TV“ bezeichnet wird, ihren Ursprung in der Seifenoper haben, doch findet sich das Genre heute unter den TV-Relikten neben 30-minütigen Sitcoms mit mehreren Kameras und Familienspielshows wieder.

Letztlich geht es bei allen Seifenopern weniger um eine sinnvolle, durchdachte und geschickte Handlung, sondern vielmehr um das Bemühen, die Sendeanforderungen des Genres zu erfüllen. Dies sind Zugeständnisse, die die meisten Zuschauer:innen für die Bequemlichkeit täglicher Episoden bis ins Unendliche passiv hinnehmen.

Die Dominanz jeder Form von Fernsehen kann problematisch sein. Das Spitzenfernsehen, so sehr es auch geschätzt wurde, hatte eine begrenzte Lebensdauer und seine eigenen schädlichen Eigenschaften und Folgen. Im Gegensatz zu Peak TV hat das Genre der Seifenoper einen besonders schädlichen Einfluss, da seine erzählerischen Konventionen auf eigentümliche Weise mit seinen einzigartigen Sendeanforderungen verbunden sind. Wenn es darum geht, die Tradition der Seifenoper an andere Fernsehformen, insbesondere an die Serienform, anzupassen, ist es unklug, ja sogar destruktiv, das Kind mit dem Bade auszuschütten und das Baby zu behalten. Dieser Kampf hat die südafrikanischen Netflix-Shows geprägt. Die Omnipräsenz von Soaps führt dazu, dass die meisten, wenn nicht sogar alle Filmemacher, die im Fernsehen arbeiten, einen großen Teil ihrer Karriere diesem Genre verdanken, und so fällt es ihnen schwer, aus seinen sehr speziellen Parametern auszubrechen.

Abgesehen vom Budget besteht der unmittelbarste Unterschied zwischen einer Serie und einer Soap darin, dass Serien ein Ende haben. Für Soaps ist es charakteristisch, dass sie kein Ende haben. Daher ist es unmöglich, außerhalb der jeweiligen Prämisse einer Soap die konzeptionelle Gesamtheit einer Soap wirklich zu erfassen. Das Problem, einen überzeugenden Weg zu finden, Geschichten zu beenden, Handlungsstränge entlang eines Bogens auszurichten und ein ausgewogenes Tempo zu finden, ist ein wiederkehrendes Problem bei südafrikanischen Netflix-Originalen.

Jiva! ist trotz seiner vielen Reize ein deutliches Beispiel dafür. Die Serie ist ein Tanzdrama (à la Step-Up), das die Geschichte einer jungen Frau, Ntombi (Noxolo Dlamini), erzählt, die einen aussichtslosen Job als Fremdenführerin im örtlichen Wasserpark hat, aber alles riskiert, um ihren Traum zu verfolgen, professionelle Tänzerin zu werden. Jiva! bietet in seiner acht Episoden umfassenden ersten Staffel eine Vielzahl von Handlungssträngen, von denen jedoch nur eine Handvoll fesselnd wirkt, weil die meisten nicht mit dem zentralen Thema der Serie zusammenhängen. Alles andere verfällt in eine vorhersehbare Liebesgeschichte, sobald es den Raum des zentralen Tanzwettbewerbs verlässt.

Thematische Widersprüche tauchen in ähnlicher Weise in Blood and Water auf, der zweiten südafrikanischen Koproduktion, die nach Queen Sono auf Netflix debütiert und bei ihrem Start weltweit auf Platz 1 landete. Über die beiden Staffeln hinweg leidet die Serie an einer akuten Identitätskrise. Manchmal sehnt sie sich danach, ein düsterer und spannender Thriller zu sein, was der Autor Nosipho Dumisa-Ngoasheng, der bereits eine Adaption von Alfred Hitchcocks Rear Window geschrieben hat, mehr als gut beherrscht. Aber es will auch die sorglose Ernüchterung eines Gossip Girl, in dem die Teenager so fantastisch von den Eltern oder jedem Anzeichen von Adoleszenz oder Verantwortung entfernt sind.

Blood and Water folgt Puleng Khumalo (Ama Qamata), einem Mädchen im Teenageralter, das sich an einer angesehenen Privatschule in Kapstadt einschreibt, weil es vermutet, dass eine der Schülerinnen, Fikile Bele (Khosi Ngema), ihre ältere Schwester ist, die kurz nach ihrer Geburt von ihren Eltern entführt wurde. Im Laufe der ersten Staffel, in der Pulengs Versuche, zu beweisen, dass Fikile ihre Schwester ist, immer gefährlicher und oft auch hirnrissiger werden, wird der/die Zuschauer:in an die Leere erinnert, die ihre zerrüttete Familiendynamik darstellt, und daran, warum sie verzweifelt versucht, das Geheimnis zu lösen. Der zweiten Staffel fehlt die thematische Grundlage, die der ersten Staffel den Fokus gegeben hat, und wie Jiva! kämpft sie damit, eine fesselnde Geschichte oder Handlung außerhalb der Haupthandlung aufrechtzuerhalten. Die Handlung wird in der zweiten Staffel unbeholfen vorangetrieben, ihre ergänzenden Nebenhandlungen werden routinemäßig aufgegriffen, vergessen, abgehackt und verändert, ohne dass es eine Auflösung gibt. Das Hinzufügen neuer Charaktere fühlt sich aufregend an, ist aber gegen Ende der Staffel unerheblich.

Fairerweise muss man sagen, dass schlechtes Schreiben schlechtes Schreiben ist, unabhängig davon, ob dieses schlechte Schreiben in einer Branche angesiedelt ist, die von einer speziellen Art des Geschichtenerzählens geprägt ist. Der Austausch von Handlungssträngen in dieser Art und Weise erinnert an die Traditionen des Geschichtenerzählens in Soap-Serien, in denen eine Vielzahl von tangentialen und ungelösten Handlungssträngen üblich ist, um das wochentägliche Sendeprogramm zu unterstützen. Die Handlungsstränge haben keine saubere Auflösung, und Nebenhandlungen, Wendungen und Charaktere werden in einem schwindelerregenden Tempo entwickelt, fallen gelassen und wieder aufgegriffen. Diese Merkmale wären in einer Seifenoper zu Hause, aber in einer Staffel mit einer Laufzeit von acht bis zehn Episoden führt dies zu einem Mangel an Fokus und Kohäsion.

Der nagende und ausufernde Einfluss von Soaps hindert südafrikanische Serien daran, jemals die Art von charakteristischer und nuancierter Erzählung zu erreichen, die zum Beispiel Squid Game zu einem durchschlagenden Erfolg machte. Außerdem ist die Produktion von 260 Episoden in einem einzigen Jahr eine gigantische Aufgabe für jede Produktionsfirma. Die enorme Arbeitsbelastung hat dazu geführt, dass sich viele Beschäftigte in der südafrikanischen Filmindustrie über Überlastung und Unterbezahlung beklagen. Angesichts von mehr als einem Dutzend Soaps, die derzeit in einer relativ kleinen Branche produziert werden, fragt man sich, ob die Rahmenbedingungen tragfähig sind. Was wir brauchen, ist eine rigorosere Hinterfragung des Stands der Dinge, anstatt eine passive Akzeptanz der Industrie als den aktuellen Stand der Dinge. Wenn Hit-Shows wie Is’thunzi, Tjovitjo, Hopeville oder Yizo Yizo uns etwas gezeigt haben, dann dass die Südafrikaner:innen in der Lage sind, sich für das Serienfernsehen zu interessieren und es zu unterstützen. Die südafrikanischen Netflix-Serien des letzten Jahres sind ein Zeichen dafür, dass die Hegemonie der Seifenopern bei weitem kein Einzelphänomen ist; ihr Einfluss engt offensichtlich die kreative Vorstellungskraft ein, wie lokales Fernsehen aussehen und sich anfühlen kann.

Dabei geht es nicht darum, die lange Geschichte der Seifenopern und die wichtige Rolle, die sie im Leben von Millionen von Südafrikaner:innen spielen, zu verharmlosen, sondern darum, als Produzierende und Konsumierende von Inhalten zu fordern, dass die Soap nicht das einzige Genre ist, von dem die Fernsehindustrie lebt.

Tsogo Kupa ist Schriftsteller und Filmemacher aus Johannesburg.

Blick Bassy

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Zenzile

Zenzile
Somis musikalische Hommage an "Mama Afrika" Miriam Makeba

Die Musikerin Somi Kakoma zollt mit ihrem neuen Album Zenzile ihrem großen Vorbild Miriam Makeba, der „Mama Afrika“ Respekt.

Am 04. März 2022, dem Erscheinungsdatum des Albums, wäre die südafrikanische Jazz- und Weltmusikerin, die zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Anti-Apartheid-Bewegung gehörte und ihr Leben lang für Menschen- und Völkerrechte aktiv war, 90 Jahre alt geworden.

Somi selbst ist Aktivistin, Sängerin, Songwriterin, Theaterschauspielerin und Bühnenautorin. Ihre Eltern stammen aus Ruanda und Uganda; sie wuchs in Illinois und Sambia auf, wo ihr Vater für die World Health Organization arbeitete, und studierte nach der Rückkehr der Familie nach Illinois Anthropologie and Afrikanistik. Die Schwerpunkte ihrer kreativen Arbeit liegen auf Themen wie Abstammung, Herkunft, afrikanische Wurzeln. Mit ihrem neuen Album „Zenzile: The Reimagination of Miriam Makeba“ interpretiert Somi signifikante Makeba-Stücke auf tiefgründige und spirituelle Weise neu.

Mit ihrem Album Zenzile zollt Somi ihrem Vorbild Makeba Respekt und schenkt ihr, da sie so viel Kraft und Inspiration aus Makebas Musik gezogen hat, etwas zurück. „Pata Pata“, eines der bekanntesten Lieder Makebas, wurde deshalb als Titeltrack gewählt. Gleichzeitig soll das ALbum eine Reaktion darauf sein, dass Makeba ind en USA, was ihre Stimme anhaltend aus dem Kollektiven Bewusstsein gelöscht hat, als sie sich entschied, auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung den „Black Panther“ Stokely Carmichael zu heiraten. Es soll ihren rechtmäßigen Platz im erweiterten Kultur-Archiv der Vereinigten Staaten und der Welt im Allgemeinen einfordern.

Zenzile (Makebas wahrer Vorname) ist mein Versuch, die kompromisslose Stimme einer afrikanischen Frau zu ehren, die unweigerlich Raum für meine eigene Reise und die unzähliger anderer afrikanischer Künstler*innen geschaffen hat. Kurz gesagt, ich schulde ihr etwas. Das tun wir alle! Ihre Botschaft von sozialer Gerechtigkeit und der Menschlichkeit des Lebens der Schwarzen ermutigt uns noch heute. Bei diesem Projekt geht es darum, den enormen und unermesslichen Beitrag zu würdigen, den sie im Namen eines Volkes, eines ganzen Kontinents zur Pop-, Folk- und Jazzmusik geleistet hat.

Zenzile bringt wieder dasselbe Produktionsteam zusammen, mit dem auch schon das vielbeachtete Album The Lagos Music Salon enstanden ist: Keith Witty, Cobhams Asuquo und Somi selbst. Asuquo ist ein gefeierter Produzent und Multi-instrumentalist aus Lagos, der sowohl traditionelle als auch populäre afrikanische Sensibilität in den Mix einbringt. Witty ist ein Produzent und Bassist aus New York City, dessen Vertrautheit mit elektroakustischem, modernem Jazz eine weitere Perspektive hinzufügt. Zwischen den Dreien wird ein musikalisches Gleichgewicht afrikanischer und amerikanischer Traditionen erreicht, das von ihren individuellen Erfahrungen und der einzigartigen Chemie zwischen ihnen profitiert. Das Ergebnis ist eine eklektische Sammlung von Songs, die geschickt die Grenzen zwischen organisch robustem Jazz, modernem kreativen Jazz, atmosphärischer Weltmusik sowie R&B und Soul überwindet.

https://www.somimusic.com/

Blick Bassy

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Musik

Jakk Quill nutzt Ironie als Waffe

Jakk Quill nutzt Ironie als Waffe
von Mesh Mwandishi

Jakk Quills zweites Album ist endlich erschienen, und Fans wie ich sind ganz vernarrt darin. Sein Debütalbum New Decade Same Dreams ist ein echter Leckerbissen und wurde von der kenianischen Hiphop-Elite hochgelobt, was ihm eine Nominierung als Texter des Jahres bei den UnKut Hiphop Awards 2020 einbrachte. Sein zweites Album Lost in Motion kommt mit mehr Reife, aber auch mit mehr Flexibilität und Experimentierfreude daher. Einige der Kadenzen wie auch die Produktionstechniken sind erfrischend.

Der Künstler nutzt Kontraste und Ironie, um seine Themen zu behandeln. Lost In Motion ist eine Ode an Künstler:innen und viele andere Menschen, die sich in der Hektik des Alltags verlieren – Arbeit, Familie, Verpflichtungen und alles dazwischen!

Das Album hat jedoch noch viele andere Unterthemen, die es interessant machen. Quill greift darauf zwei parallele Ideen auf: zum einen, dass er dieser unsichtbare MC mit lyrischen Skills ist, mit denen niemand mithalten kann. Die zweite ist, dass das Musikmachen für ihn eine Aufgabe ist, die ihn so sehr plagt wie die Figur des Sisyphos aus der griechischen Mythologie geplagt wird. In der Nummer Break It Down zum Beispiel behauptet er, dass „sich wiederholende Zyklen von Scheiße ihn zurück in die Kabine bringen“, fast so, als ob er sich dadurch in die Enge getrieben fühlt. Im selben Song sagt er aber auch, dass er froh sei, ein Musiker zu sein, der den Blues seiner Fans vertreibe. Der zweite Song des Albums, 2 Chappelle’s, verkörpert das Kontrastmotiv perfekt. Zu Beginn der Strophe zählt er auf, wie oft er abgewiesen wurde oder an welche Tische er nicht eingeladen wurde. Er sagt sogar, dass er schlechte Tage hatte, ähnlich wie Hades, aber es immer schaffte, sich rechtzeitig wieder aufzurappeln. Im Gegensatz dazu sei er heute glücklicher, fühle sich mehr in seine Gemeinschaft integriert und sei sich seiner Rap-Skills und Fähigkeiten sicherer. Er nimmt auch Rapper aufs Korn und fragt auf witzige Art und Weise: „Was ist der Unterschied zwischen einem Clown und einer Legende?“

Tangaza Magazine

Dieser Artikel erschien im Original bei auf Englisch bei Tangaza Magazine, einem Online-Musikmagazin für Ostafrika.

Die Ironie und der Kontrast verdeutlichen die Notlage eines Menschen, der mit seinen „Geistern“, einer Metapher für Schwächen und Unzulänglichkeiten, zu kämpfen hat. So gibt er zum Beispiel zu, dass er sich mit einer Frau, die er liebte, versöhnt hat, es aber trotzdem vermasselt hat. Aber wie er in der Hook sagt: „Ich werde besser, ich habe gelernt, mit den Geistern umzugehen“, ist er auf dem Weg, als Mensch und sogar als Künstler zu wachsen, wenn wir die doppelte Bedeutung daraus ziehen. Er erkennt auch, dass das Verdrängen seiner Geister nicht der beste Weg war, mit ihnen umzugehen.

Rapper
Jakk Quill. © Tangaza Magazine

Ein weiterer Track, und vielleicht der, den ich am meisten liebe, Break It Down, ist selbst ein Kontrast aus zwei verschiedenen Stilen und Themen. Er beginnt mit einer Melodie als Intro/Hook und singt „She gonn‘ break it down right now“, bevor er eine melodische Strophe darüber abliefert, dass er in diese Frau verliebt ist, sie sich aber immer streiten und kämpfen.

Im zweiten Teil des Songs wechselt er dann in einen regulären Rap, in dem er über sich selbst und sein Wesen spricht – und das fühlt sich an wie seine intimsten Gedanken. Er stellt die Reihenfolge der Dinge in Frage und fragt ironisch: „Wenn die Zeit eine Schleife ist, wie sicher ist es, dass der Saft nach der Frucht kommt/ Der Regen nach dem Dach/ Der Schmerz nach der Wahrheit/ Wiederholte Zyklen von Scheiße bringen mich zurück in die Kabine“. Er spricht darüber, wie er lange Zeit gemobbt wurde und dass er zu pleite für eine Therapie ist, so dass die Musik seine Art ist, mit seinen Problemen umzugehen. Aber nur um sicher zu gehen, dass er nicht zwei Songs macht, gibt er am Ende zu, dass der Song als Twerk-Song begann, aber irgendwie introspektiv wurde. Er gibt auch zu, dass er sich weniger allein fühlt, wenn seine Geliebte „zusammenbricht“ – was vielleicht bedeutet, dass diese Geliebte eine weibliche Version von ihm selbst ist, die mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hat, aber er liebt sie immer noch und bleibt bei ihr, denn Trommelwirbel – sie sind ein und dasselbe.

Das Album zeigt die Dunkelheit auf eine Weise, die unbeteiligt wirkt. Man bekommt schon früh das Gefühl, dass er eine grüblerische Natur hat, immer tief in Gedanken versunken. Im dritten Song, Planning For Doom, nimmt er eine prahlerische Persönlichkeit an, die anderen Rappern Unheil und Gewalt ankündigt und behauptet, er sei der Beste. Seine Melancholie macht ihn auch ein bisschen versnobt – in dem Song Silhouette sagt er, dass er sich kaum an Leute erinnern kann und sie deshalb höflich umkurvt“. Der Song Sharpie verdeutlicht, dass er den Menschen im Allgemeinen nicht traut und insbesondere ein Problem mit den honigsüßen Typen hat. Er zieht es stattdessen vor, dass die Leute ehrlich sind, was ihre Absichten angeht und „auf den Punkt kommen wie ein Scharfschreiber“.

Mesh Mwandishi ist ein junger Hiphop-Enthusiast. Ich liebe ostafrikanischen Hiphop, der so viele Subgenres und Geschmacksrichtungen hat. Ostafrikanischer Rap muss erst noch entdeckt und auf der Weltbühne anerkannt werden, aber wenn es soweit ist, werde ich da sein und allen sagen: I told you!

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

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Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen. Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.

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Musik

TRAPSTATION von Sabi Wu & Korb$

Auf 'TRAPSTATION' fangen Sabi Wu & Korb$ die Essenz der 2. Shrap-Generation ein
von Mesh Mwandishi

Das neue gemeinsame Projekt TRAPSTATION von Sabi Wu und Korb$ ist ein Album, das unbestreitbar Spaß macht. Für die einen ist es die Geschichte ein paar stigmatisierter Jugendlicher. Für andere ist es ein klassisches Beispiel für das Szenario „Geist versus Körper“. Aber der explosive Inhalt ist kein guter Ausgangspunkt für diese Diskussion.

Hip-Hop-Fans haben gemeinsame Mixtapes schon immer geliebt, ob es Jay Z & Kanye West auf OTIS oder Future & Young Thug auf Super Slimy sind. Die Vorstellung, dass zwei MCs, für ein ganzes Projekt zusammenkommen, macht die Fans einfach verrückt. In der Ära des melodischen Trap-Raps sind diese gemeinsamen Mixtapes jedoch immer häufiger zu hören. Auf internationaler Ebene haben wir gesehen, wie Future ganze Projekte mit Lil Uzi Vert und Juice WRLD (RIP) gemacht hat. Hier in Kenia hat Jovie Jovv diese Kunst perfektioniert und scheint in dieser Hinsicht die Shrap-Bewegung anzuführen.

Die Geburt der 2. Shrap-Generation

Wie die meisten Dinge im Jahr 2020 hat auch die kenianische Musikszene gelitten. Aber es gelang ihr auch, neue Stars hervorzubringen. Eine zweite Generation von kenianischen Rappern wurde aus der Langeweile der Abriegelung geboren. Kahu$h, Chiefgeng, Sabi Wu, Korb$ und Lil Maina kamen alle ungefähr zur gleichen Zeit hervor. Ihre Geschichten ähneln sich. Man stelle sich einen jungen Mann vor, dessen Studium auf unbestimmte Zeit unterbrochen wurde und der nun viel Zeit hat. Er hat schon mal Musik gemacht, aber nicht sehr “ intensiv „, um es mal so zu sagen. Also geht er ins Aufnahmestudio! Alle der Genannten begannen, ihre Liebhaberprojekte zu veröffentlichen. Mit ihrem Elan und dem Drive hinter ihren Songs haben sie nun die Herzen der Hip-Hop-Fans in Nairobi erobert.

Um auf dem ostafrikanischen Markt einen Hit zu landen, ist ein Musikvideo wesentlicher Bestandteil des Projektes. Songs mit Bildmaterial werden im Fernsehen gespielt, die aus dem Fernsehen wiederum im Radio und von beliebten DJs. Lange Zeit war es wirklich schwer, einen Hit zu landen, der nicht von einem Video begleitet wurde. Da die Mittelschicht wächst und die Technologie immer zugänglicher wird, erfreut sich die kenianische Musik immer größerer Beliebtheit – ein guter Zeitpunkt eigentlich, um in das Game einzusteigen.

Aber genau deshalb sind diese Rapper so herausragend. Sie haben Hits gemacht, die immer wieder gestreamt wurden, ohne dass sie für einige ihrer größten Hits auch nur eine Sekunde Bildmaterial brauchten. Songs wie „Iwake“, „Fanya Like This“ und jetzt „Rass Life“ und „Wacha Nirest“ von diesem Album, über das wir hier sprechen, erzielen phänomenale Zahlen auf Streaming-Plattformen. Diese jungen Leute haben einen Umschwung eingeleitet, bei dem die Fans anfangen, auch einmal kenianische Projekte wertzuschätzen und zu konsumieren. Sie machen es sich so einfach, indem sie der Musikwelt die Stirn bieten. Unglaublich und fantastisch.

Tangaza Magazine

Dieser Artikel erschien im Original bei auf Englisch bei Tangaza Magazine, einem Online-Musikmagazin für Ostafrika.

Sabi Wu &Korb$ bringen unterschiedliche Dinge in dieses Album ein. Korb$ steht mehr auf melodischen Rap als jeder seiner oben genannten Kollegen. Paradoxerweise liefert er auch mit der tiefsten Stimme und Intonation. Sabi Wu hingegen ist ein Takt-für-Takt-Rapper, der selten Melodien verwendet. Allerdings hat er ein ausgeprägtes Rhythmusgefühl, daher seine eingängigen Hooks und ein Flow, der musikalisch anregend ist. 

Sie beginnen das Projekt mit dem Track „Movin Different“, der ein starkes Bekenntnis zu ihrem Wunsch ist, sich in der Branche abzuheben. Danach widmen sie sich jugendlichen Themen wie dem Partyleben, Drogen und Drogenkonsum, Liebe, Sex und Romantik. Doch wie bereits erwähnt, kann und wird die Auseinandersetzung mit diesen Themen unterschiedlich interpretiert. Dieser Unterschied in der Interpretation ist vielleicht nicht ausschließlich die Schuld der Fanbase. Die Rapper greifen dieselben Themen auf, aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln. In den Liedern „Hatari“ und „Size Yako“ übernehmen die beiden Rapper Rollen, die den Hype-Party-Lifestyle preisen, während sie in „Gone Clear“ und „Pesa Huisha“, den letzten beiden Tracks, einen gemäßigteren Ansatz vertreten. Diese paradoxe Sichtweise der Künstler verleiht dem Projekt mehr Tiefe, etwas, das Kritiker:innen dieser Art von Rap nicht ohne Weiteres zutrauen würden. Die internationale Hip-Hop-Gemeinde hat in der Debatte um „reinen Hip-Hop“ oder „Trap“ eine parteiische Position eingenommen, und das gilt auch für die Fans in der Heimat. Einige Rapper wurden als „coole Kids“ abgestempelt und in eine Schublade gesteckt. Es wird oft behauptet, dass diese Art von Rappern Geschichten erzählen, die nichts mit dem „normalen“ Leben zu tun haben. Oder dass ihre Musik zu amerikanisch sei. Mit diesen Vorwürfen sind die Kritiker:innen kaum in der Lage, sich intensiv mit den Themen zu befassen, sondern konzentrieren sich auf die Art der Präsentation und die gewählte Sprache. Die zweite Shrap-Generation ist bereits auf diese Weise verteufelt worden.

Aber ein Buch sollte nicht nach seinem Cover beurteilt werden! Das Album hat eine Vielzahl von Sounds, die mit den Trap-Beats vermischt sind. „Size Yako“ zum Beispiel wird auf einem Gengetone-Beat vorgetragen, und „Wacha Nirest“ ist im Wesentlichen ein kenianischer Trap-Beat mit subtilem Drumming und Modifikationen, die ihn zu einem Drill-Tune machen. „Size Yako“ ist ein Liebeslied, das Frauen mit Übergröße feiert und ihre Schönheit unterstreicht. Diese Botschaft ist wichtig, besonders wenn sie von Männern kommt. „Summer Girl“ und „My Lover“ sind R & B-Tracks mit vielen Suaheli-Texten. Sie behandeln die Themen Liebe und Beziehungen. In dem Song „Summer Girl“ übernimmt Korb$ die Rolle eines reumütigen Liebhabers, der sich für einen Streit entschuldigt. Der Grund für den Streit ist eindeutig ein Alkoholproblem. Auf „Rass Life“, in dem Kahu$h mitwirkt, diskutieren sie das Thema Dreadlocks. „Rass“ ist ein gängiges Sheng (Slang) Wort für eine Person mit Dreadlocks. Es ist eine Abkürzung von Rastafarian. Mit einer komischen Herangehensweise (gängig unter den jungen Shrappern) sprechen sie darüber, wie ihre Gesellschaft Menschen mit Dreadlocks behandelt. Sie machen sich über die Mythen und Missverständnisse über Menschen mit Dreadlocks lustig – wie sie bestenfalls als Gesetzesbrecher und schlimmstenfalls als Terroristen angesehen werden. Der Song ist auch eine Hommage an die Jugend und das Leben im Moment ohne Hemmungen. Ein Vers der Hook lautet: „We spend that money ‚fore we make it, It’s the rass life!”

Gegen Ende des Albums wird die Stimmung etwas ernster. Die letzten drei Songs werden von nachdenklichen Themen getragen. Selbst die Beats, die für diesen letzten Abschnitt ausgewählt wurden, sind nachdenklich. In „Yummy Freestyle“ mit den beiden Chiefgeng-Mitgliedern und Sambo geht es um tiefgründige Themen wie Ruhm, echte Freundschaft, musikalisches Wachstum und andere Dinge, die von allen Rappern auf dem Album angesprochen werden. „Gone Clear“ und „Famous vol. 2“ sind Reflexionen über den Ruhm und wie er das Leben der Künstler, die das Album gemacht haben, verändert hat. „Pesa Huisha“ schließt das Projekt mit einer süßen, verträumten Melodie ab. Es stellt eine der ältesten Fragen, die sich Künstler stellen: Würden ihre Liebhaber:innen ohne den Ruhm oder das Geld noch genauso für sie empfinden?

Alles in allem ist dies ein großartiges Album. Die zweite Shrap-Generation hat von einigen Leuten einen schlechten Ruf weg bekommen, aber sie lassen sich nicht einfach hängen. Mit kleinsten Budgets und ohne Plattenvertrag, ja sogar ohne Visuals, schaffen sie es, immer mehr Nummern zu machen. Sie sind die Zukunft des kenianischen Hip-Hop, und wer sie abschreibt, tut dies auf eigene Gefahr.

Mesh Mwandishi, ein junger Hiphop-Enthusiast. Ich liebe ostafrikanischen Hiphop, der so viele Subgenres und Geschmacksrichtungen hat. Ostafrikanischer Rap muss erst noch entdeckt und auf der Weltbühne anerkannt werden, aber wenn es soweit ist, werde ich da sein und allen sagen: Ich habe es euch gesagt!

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

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Verschiedenes

Die Kunst von Victor Ehikhamenor

The Art of Victor Ehikhamenor
Von Emmanuel Iduma

Die Bilder von Victor Ehikhamenor wirken wie eine Formenwucherung, in der Objekte und Formen verschwimmen und sich wandeln. Es passiert in ihnen zu viel, und das ist das Gebot seiner Kunst – kein Raum bleibt unbesetzt. Diese Bilder und Objekte verkörpern Formen; um eine Inhärenz oder Verankerung in der Arbeit aufzudecken, muss man sich die Operationen der Formen ansehen. Um es deutlich zu sagen: „Formen“ beziehen sich hier auf Figuren, Formen oder Erscheinungen, also die Art und Weise, wie die Dinge erscheinen oder geformt sind.

Die Formen entstehen, weil ein Schöpfer hinter ihnen steht, zumindest in diesem Fall. Einige der Leinwände sind zu bewussten Formen gefaltet und werden zu Ausstellungsobjekten, zu Gegenständen mit Persönlichkeit. Eine Möglichkeit, Ehikhamenors Werk zu betrachten, besteht darin, die Quelle der Immanenz zu suchen, aus der diese Formen entstehen. Mit der Frage im Hinterkopf werden die Formen in den Bildern sichtbar; man sieht eine Schar von Köpfen in „The Whirlwind Dancers of Uwessan“, eine Hand, die in „The Messenger from Yesterday“ nach vorne zeigt, einen verhüllten Kopf in „The Forgotten Memories We Carry“. Bewusstheit ist wohl das erste Gebot der Form. Damit soll nicht behauptet werden, dass jede:r Maler:in im Moment des Malens ein Bild im Kopf hat. Vielmehr kann man in Ehikhamenors Leinwänden, die an den richtigen Stellen gefaltet sind, das bewusste Ergebnis des Malprozesses sehen.

Flusser zufolge ist es unmöglich, Gestalter und Schöpfer der Welt zu sein und sich ihr gleichzeitig zu unterwerfen. Die Absicht, die man in Betracht ziehen sollte, ist eine, die die Autorschaft des Malers bekräftigt. Jedes Bild ist eine Welt, die bestimmten malerischen Tugenden und Pflichten unterliegt. Wenn man an die Bausteine dieser Welt, dieser Bilder, denkt, dann sind es die Formen, die als gefaltete Leinwände und mythische Figuren, die auf anderen mythischen Figuren liegen, entstehen. Nehmen Sie „Struggle for Big Afro Mama“ als Beispiel, wo Figuren in Figuren leben, eine Landschaft aus Formen.

Wenn man über das Werk von Victor Ehikhamenor nachdenkt, kehrt man zu seiner Kunstfertigkeit zurück. Ein Kunsthandwerker ist ein Handwerker, jemand, der etwas herstellt; und die Idee von Design und Präzision ist zentral für seine Praxis („er“, weil der Maler hier natürlich ein Mann ist). Auf den ersten Blick könnte man die Exaktheit seiner Linien und Kurven auf die Verwendung von Kohle zurückführen, da sie kleinste Details präzise sichtbar machen kann – siehe „Ein Mann des Volkes“. Aber wenn man tiefer in die Bedeutung seines künstlerischen Schaffens eintaucht, findet man eine sorgfältige Inszenierung, eine sich zuspitzende Erzählung. Diese Kunstfertigkeit zielt nicht darauf ab, Formen oder Objekte um des Nutzens willen zu schaffen, wie es ein Tischler oder Mechaniker tun würde. Die Linien wurden so gewählt, dass sie an angenehm verlaufen – man muss sich diesen Handwerker so vorstellen, wie man sich einen Meisterarchitekten vorstellt. Der Architekt strebt nach einer Kombination aus Ästhetik und Perfektion; „Architektur ist gefrorene Musik“, soll Goethe gesagt haben. In der Zeichnung des Kunsthandwerker-Architekten finden Sie keine einzige verirrte Linie, Kurve oder Figur. Jeder bedeckte Zentimeter wird zu einer perfekten Linie, und wenn man sie betrachtet, fühlt man sich an einen Ton aus einem erhabenen Lied erinnert, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht.

Kunstfertigkeit impliziert Genauigkeit, und diese wiederum impliziert Klarheit. Als sichtbare Objekte sind die Formen in diesen Bildern klar genug. Und doch erheben sie zusätzliche Ansprüche. Aus dieser Exaktheit erwachsen andere mögliche Klarheiten. Unabhängig von der Freude, die man beim Betrachten empfindet, weisen die Linien auf eine Bedeutung innerhalb der Bilder hin. „Not The First Time You Are Telling Me This Story“ ist ein Beispiel dafür. Die Bedeutung würde nicht auf eine bestimmte Idee hindeuten, sondern auf die Möglichkeit der Reflexion. Denn Reflexion ist kein logischer Akt oder Prozess – in „Not The First Time You Are Telling Me This Story“, wo Figuren über Figuren geschichtet werden, folgt sie allenfalls der Logik eines Labyrinths. Reflexion ist die Bedingung, die die Koexistenz von Ideen, Geschichte, Erzählungen und Persönlichkeiten ermöglicht.

“Tell Me What I Won’t Forget" © Victor Ehikhamenor

Africa is a Country

Dieser Artikel erschien im Original auf englisch unter dem Titel „The Art of Victor Ehikhamenor“ bei Africa is a Country.

In gewisser Weise stört die Verwendung von Farbe in der Serie „This Is Not a War Story“ die Kohärenz der anderen Serien in dieser Ausstellung. Nichts zuvor hat Sie auf die Farbe vorbereitet, die sich auf dem Papier ausbreitet, als ob es sich um das Vergießen von Blut oder die Annexion von Territorium oder die Verfärbung von Landschaft handelt. In den früheren Bildern wird die Farbe verwendet, um das Wesentliche zu erhellen und der Form eine Qualität zu verleihen. Hier steht sie im Gegensatz zur Form, als wäre jedes Papier zum Schlachtfeld geworden. Es ist ein Beispiel für einen Krieg, der den Krieg verhöhnt – das Blut fließt jetzt ungehindert in Nordnigeria, eine Nachricht, die keine Nachricht mehr ist. Indem sie Farbe auf Farbe setzen, fordern die Bilder eine ähnliche politische Tugend: Vielleicht gibt es ja doch einen Weg, die Geschichte des Krieges als Nicht-Krieg zu erzählen; zu entdecken, dass es in einem blutigen Land Spuren von Menschlichkeit gibt, Freundlichkeiten, die nicht mit Gewalt beschmiert wurden.

Die ganze Zeit über hat dieser Essay einen Weg aufgezeigt, Ehikhamenors Werk als unmittelbare Begegnung mit der Form zu betrachten. Doch nun wird es notwendig, sich übergreifenden Fragen zuzuwenden. Von Anfang an sind die Bilder durch ihre Titel verwickelt. Jedes setzt voraus, dass sich in den Formen und Figuren Erzählungen und Personen befinden, und in diesen Formen und Figuren gibt es Symbole, Schlüssel und Zugänge. Jeder Titel ist die Aufforderung, mit der man sich in den mythischen Realitäten der Objektwelten bewegen kann. „Floating In The City of Dreams“ wird kaum etwas anderes suggerieren als Schweben, und ohne Zweifel erkennt man einen Kopf, ausgestreckte Arme, schwimmende Beine, über Wellen schwingende Beine.

Die Idee der Titel von Ehikhamenor als Aufforderung: „I Hope You Remember“ (Ich hoffe, du erinnerst dich) ist an zwei Stellen auf der Leinwand angebracht, was das Bild zu einem dreiteiligen Objekt macht. Sofort werden die Worte des Heiligen Augustinus relevant: „Es gibt drei Zeiten: eine Gegenwart der Vergangenheit, eine Gegenwart der Gegenwart und eine Gegenwart der Zukunft. Es scheint, dass man, wenn man sich mit diesem skulpturalen Objekt – und anderen mit ähnlichen Titeln wie „Tell Me What I Won’t Forget“ befassen will, die Gegenwart als die gemeinsame Ontologie von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft betrachten muss. Bilder sind immer präsent; sie leben im Unterbewusstsein ihrer Betrachter:innen weiter. Doch es ist nicht diese Art von Gegenwärtigkeit, die Ehikhamenors Bilder vermitteln; es ist die Gegenwärtigkeit der Geschichte, die augustinische Gegenwart der Dinge, die zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft oszilliert. Meiner Meinung nach haben Bilder keine Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Sie erstrecken sich über die Zeit. Und wenn der Maler dazu bewegt wird, seine Bilder mit Gegenwärtigkeit zu bevölkern, wie es Ehikhamenor getan hat, wird sich auch die Geschichte, die er verkörpert, über die Zeit erstrecken.

Unabhängig davon, wie sie auf der Oberfläche wiedergegeben werden – mit Kohle, Acryl, Emaille, Nagellöchern – ist es Ehikhamenors Absicht, dass diese Bilder eine verzauberte Welt andeuten, die von Volksmärchen und dem Stadtleben, von realen und imaginären Geschichten inspiriert ist. Der Maler ist ein Geschichtenerzähler, wenn auch ein unzuverlässiger. Das heißt, unzuverlässig, wenn man will, dass das Bild chronologische Erzählungen enthält. Welche Zeittafel könnte es zum Beispiel für „Samson und Isebel in Lagos“ geben? Schon der Titel sagt nur das Nötigste: Hier sind die Figuren von Liebenden in einer großen Stadt, bevölkert von den Linien und Kurven ihrer Begierden. Mehr kann nicht gesagt werden, denn im Bild ist alles gesagt, ein vollständiger Augenblick. Die perforierten Figuren machen dies noch deutlicher. Es ist die Schärfe ihrer Gesichter, die sie kraftvoll macht – jeder Punkt deckt ein weiteres Feld ab, bis sich der Kreis des Maler-Künstlers schließt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Bilder von Victor Ehikhamenor einen menschlichen Körper zeigen, der einer verzauberten Welt entspricht. Die Bilder sind in der Tat dispersive Chroniken einer verzauberten Welt. Verzauberung ist in gewissem Sinne eine Anspielung auf Freude. Es besteht kein Zweifel daran, dass Ehikhamenor einerseits mit Humor und andererseits mit Witz malt (sehen Sie sich „Warten auf dem Gang des Vergnügens“ an: beachten Sie zunächst die Formen, die Größe und die Position der Köpfe, und beachten Sie die Gesten der Hände). Man sollte die Freude als Weg zur Verzauberung nicht untergraben. Diese Bilder müssen wie ein Zauberspruch wirken, sie müssen bezaubern und anziehen, bis jeder Betrachter eine andere Chronik der Verzauberung hat.

“A Man of the People" © Victor Ehikhamenor

Emmanuel Iduma ist ein niegerischer Autor aus New-York-City.

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

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Literatur Verschiedenes

Einladung zur Debatte: N-Wort

Einladung zur Debatte:
Übersetzung des N-Wortes im Buch einer Schwarzen Autorin
zum Thema rassistische Gewalt

Der Roman Sie wäre König der liberianisch-amerikanischen Autorin Wayétu Moore, der im Herbst 2021 im akono Verlag erschienen ist, stand bereits mehrfach in der Kritik, weil darin einige Male das N-Wort ausgeschrieben wird. Dazu möchten wir im Folgenden gern Stellung nehmen und Übersetzer:innen, Betroffene und andere Interessierte zu einer offenen und respektvollen Debatte einladen, die Nuanciertheit, analytische Schärfe und best-practice Ideen zum Ziel hat.

Ja! zu rassismuskritischer Sprache

Vorweg sei gesagt, dass wir zu keinem Zeitpunkt hinter die Anliegen rassismuskritischer Sprache zurückfallen wollten. Das N-Wort ist ein rassistisches Schimpfwort, das aus der Rassentheorie und vor dem Hintergrund der weißen kolonialen Unterwerfung zu einer Fremdbezeichnung mit abwertendem Charakter wurde, das unendlich viel Leid und Gewalt, Dehumanisierung und Herabwürdigung in sich trägt. Dieses Wort nicht mehr zu reproduzieren, ist geboten, weil es für Schwarze Menschen eine retraumatisierende Beleidigung darstellt und auch, weil dessen Aussprache durch weiße Menschen diesen innerhalb einer rassistischen Gesellschaftsordnung erneut privilegierte Autorität verschafft und somit koloniale Herrschaftsverhältnisse aufrecht erhält.

Alle Leser:innen, die das in Abrede stellen oder diskutieren wollen, werden gebeten, sich hier oder hier oder hier zu informieren und zu bilden.

Eine Geschichte des Widerstands

Der Roman Sie wäre König spielt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und thematisiert den Widerstand gegen koloniale Gewalt und Versklavung in Afrika und in der afrikanischen Diaspora anhand der Entstehungsgeschichte Liberias. Liberia wurde als neue Heimat für befreite ehemals versklavte Afroamerikaner:innen etabliert, nachdem die American Colonization Society 1816 vom amerikanischen Kongress ein Rückführungsmandat erhalten hatte. Die Schriftstellerin Wayétu Moore erklärt den Hintergrund ihres Romans wie folgt:

Liberia ist eine Geschichte des Widerstandes. Als ich begann, Sie wäre König zu schreiben, habe ich ziemlich intensiv verschiedene Widerstandsbewegungen und Aufstandsbewegungen in der afrikanischen Diaspora von Menschen afrikanischer Abstammung recherchiert. Das war gewaltig – da gab es Gaspar Yanga in Mexico und José Antonio Aponte in Kuba, wie auch in Haiti und Liberia und Nat Turner, und ich wollte, dass die Geschichte in ihrem Kern von Widerstand handelt.

In „Sie wäre König“ treffen drei Figuren, die aus Lai in Westafrika, von einer Plantage in Virginia und aus den Blauen Bergen in Jamaika kommen, in den 1830er Jahren im Gebiet des späteren Liberia aufeinander. Alle drei Figuren haben besondere Kräfte, die in Bezug stehen zu der Gewalt, die im Laufe der Weltgeschichte Schwarzen Körpern angetan wurde, und vereinen sich zum Kampf gegen Unterdrückung, Versklavung und koloniale Fremdherrschaft. Die drei Charaktere verkörpern die diverse kulturelle Zusammensetzung Liberias, das aus indigenen Gruppen, Afroamerikaner:innen und aus der Karibik, vor allem aus Barbados, stammenden Gruppen besteht.

Historische Authentizität und Unverfälschtheit

Alle drei Charaktere und ihre zugehörigen Communities sind im Laufe der Geschichte enormer Gewalt ausgesetzt und werden im englischen Original einige Male mit beiden ausgeschriebenen N-Worten bezeichnet. Wir haben uns bei der Übersetzung entschieden, die Stimme der Schwarzen Autorin so unverfälscht wie möglich zu belassen und das Ausmaß der Gewalt in seiner Drastik so weit darzustellen, wie sie es gewollt hat. Insgesamt ist das deutsche N-Wort im Roman 24 mal ausgeschrieben. Wegen des Risikos, dass bei Betroffenen Ängste, Flashbacks oder andere psychische Reaktionen ausgelöst werden, enthält der Roman nun eine Triggerwarnung auf dem Cover und einen Übersetzungskommentar. Außerdem führt ein QR-Code im Buch zu dieser Debatte.

Einladung zur sachlichen Debatte

Nach zahlreichen Gesprächen mit Übersetzer:innen, Autor:innen und von rassistischer Gewalt Betroffenen, die jeweils aus sehr unterschiedlichen Perspektiven sprachen, ist uns bewusst geworden, dass es zum Umgang mit der Übersetzung des N-Wortes bisher keine bestmögliche einheitliche Herangehensweise gibt.
Daher möchten wir alle, die Interesse und Kapazitäten haben, sich an dieser Diskussion zu beteiligen, einladen, ihre Perspektiven und Ideen zu teilen.

* Spielt es bspw. eine Rolle, das der Text im Jahr 2018 bewusst mit dieser Terminologie veröffentlicht wurde und es sich nicht um eine Neuübersetzung eines alten Textes handelt?

* Welche kreativen Ideen gibt es, das N-Wort zu dekonstruieren?

* Wie steht ihr zu Euphemismen wie etwa „Schokosoldat“ (für Senegalschützen, so übersetzt in David Diop: Nachts ist unser Blut schwarz von Andreas Jandl)

* Was für eine Bedeutungsverschiebung findet statt, wenn der Text einer Schwarzen Person von einer weißen Person übersetzt wird in Bezug auf diese Thematik?

Wir bitten darum, das N-Wort in der Debatte nicht auszuschreiben.

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Musik

Maandys Musik sprengt traditionelle Geschlechterrollen

Maandys Musik sprengt traditionelle Geschlechterrollen
von Karen Chalamilla

„Wenn die Leute mich ansehen, möchte ich, dass sie eine Badass Bitch sehen.“ Diese Aussage ist eine Einführung in Maandys musikalische Persona. Die aus Nairobi stammende Sängerin, die nach ihrem Debütalbum und ihrem Lieblingssong Kabaya genannt wird, ist keine Unbekannte, wenn es darum geht, mit ihrer weiblichen Aura die Grenzen des kenianischen Rap zu erweitern. Auf ihrem kürzlich erschienenen zweiten Album erhebt sie weiterhin den Mittelfinger gegen traditionelle Geschlechterrollen. „Ich glaube, weil ich die Freiheit habe, in meiner Musik über alles zu sprechen, was ich will, muss ich sehen, wie weit ich es treiben kann“, sagt sie kühn, „Mann, ich will wirklich all diese Traditionen kaputt machen.“

Der Name des Albums ist eine Kombination aus zwei Identitäten, die sie verkörpert. „Das Album ist für mich sowohl sexy als auch gangsta“, erklärt sie, „die Gangsta-Seite ist die, die Risiken eingeht, und die sexuelle Seite ist, nun ja, freaky“, was zusammen Frisky ergibt. Dieses Album erzählt die Geschichten von „jungen Frauen in Nairobi“. Dabei lässt Maandy sich von ihren eigenen Erfahrungen inspirieren, um sie mit denen der Frauen in ihrem Umfeld zu verknüpfen, die den Großteil ihres Publikums ausmachen. „Die Art von Frauen, die wissen, dass sie sich dafür entscheiden können, die Grenzen auszutesten und sich das nicht zweimal sagen lassen müssen“, die das Gefühl haben dürfen, in Bestform zu sein. Und wenn das nicht der Fall ist, geben sie sich höchstens einen Augenblick Zeit, um sich schlecht zu fühlen, bevor sie wieder in den Sattel steigen. Letzteres ist für sie besonders wichtig. Maandy gibt zu, dass es eine Weile gedauert hat, bis sie auf diese Weise zu sich selbst finden konnte; sie möchte nicht, dass ihre Zuhörer:innen so lange wie sie brauchen, um sich befreit zu fühlen.

Während es bei der Veröffentlichung ihres Debütalbums eher darum ging, „Spaß zu haben und ein Werk zu haben, mit dem die Leute sie kennenlernen“, gibt sie zu, dass Frisky „eher geschäftsorientiert“ ist. Maandy ist sich bewusst, dass mit ihrem zweiten Album mehr von ihr verlangt wird; „die Qualität, der Look, der Inhalt, all das“. Und um dem gerecht zu werden, schöpft sie mit ihren Inhalten aus dem Vollen. Von Partyhits wie „Relax“ über bereits veröffentlichte Singles, mit denen die Fans schon vertraut sind „Shash na Lipgloss“ und „Sirudi Home Refix“, bis hin zu einem Freestyle „Name“ und sogar einer Gesangsperformance „Magizani“, die RnB-Künstlerin Tamias So Into You sampelt. Das Album lässt kein Genre unangetastet.

Aber trotz all ihrer Fähigkeiten ist es ihre Vorliebe für das Geschichtenerzählen, die hervorsticht. Die mehrsprachige Künstlerin wechselt zwischen Englisch und Kisuaheli, um die Zuhörer:innen in die Geschichten der einzelnen Tracks zu ziehen. In dem augenzwinkernden „Money Man“ befragt sie einen Mann über seine Fähigkeit, sie finanziell zu unterstützen (ok hii ni chance nakupea / boy child anza kujitetea). Und in dem pikanten Forbidden Fruit lässt sie uns an einem geheimen Rendezvous mit dem Mann ihrer besten Freundin teilhaben, von dem sie schwört, dass es so nicht geplant war (I swear sikupanga ikue hivi, situation got too sticky). Und im Opener des Albums, „Mambo Gani“, dreht sich der Spieß um, als sie die Geschichten anspricht, die Klatschblogs aufgrund ihrer steigenden Popularität immer wieder über sie erfinden.

Tangaza Magazine

Dieser Artikel erschien im Original bei auf Englisch bei Tangaza Magazine, einem Online-Musikmagazin für Ostafrika.

Nach dem überwältigenden Erfolg ihres ersten Albums hat Maandy das Gefühl, dass der Leistungsdruck eine ganze Reihe von Herausforderungen mit sich gebracht hat. „Die Veröffentlichung von Content kann hektisch sein“, sagt sie ganz sachlich. Ob es nun an einem verspäteten Feature liegt (weshalb auf Frisky nur Fena Gitu, Breeder LW und Ndovu Kuu zu hören sind, gesteht sie) oder einfach daran, dass die Erstellung der Inhalte oft kostspielig ist, Maandy verhehlt nicht ihre Erleichterung (und Erschöpfung) darüber, dass sie es trotz allem geschafft hat. Abgesehen von den verwaltungstechnischen Herausforderungen ist das, was sie am meisten auf die Probe gestellt hat, die zunehmend verschwimmende Grenze zwischen Maandy, der Künstlerin, und Amanda, der Frau, die vom Publikum wahrgenommen wird. „Wenn ich also Leute hier draußen treffe, die mich als Künstlerin kennen, denken sie, dass das, was ich als ‚Maandy‘ tue, vorgespielt ist, obwohl es das nicht ist.“ Das ist natürlich ein Beweis dafür, wie gut die junge Künstlerin Teile ihrer Identität angezapft hat, um diese musikalische Persönlichkeit zu kreieren. Das zeigt, wie sehr soziale Medien und die Musikindustrie miteinander verflochten sind, sodass ihre Internet- und ihre reale Persönlichkeit ineinander übergehen. Das klingt zwar nach einer guten Sache, kann aber auch von Nachteil sein. „Ich stelle mir das gerne so vor, dass man im Büro oder in seinem Freundeskreis nicht wirklich dieselbe Person ist“, erklärt sie, „bei mir ist es genauso, aber die Leute neigen dazu, das misszuverstehen und zu übertreiben. Ich weiß nicht, ob ich jemals darüber hinwegkommen werde, wie sehr mich das stört.“

Es wäre jedoch nachlässig, wenn die Künstlerin nicht zugeben würde, dass ihre Persona eine Rolle dabei spielt, wie ihre Musik und ihre Marke aufgenommen werden.“Es hilft auf jeden Fall, denn leider werden Frauen in der Gesellschaft so angesehen, dass ich weiß, dass die Art und Weise, wie ich mich gebe, dabei hilft. Es ist ein schwieriges Unterfangen, seine Sexualität als einen Akt der Rebellion zu betrachten und gleichzeitig zu wissen, dass ein Teil des Publikums das nicht so auffasst.“ Maandy räumt ein, dass es noch schwieriger ist, weil ein großer Teil ihrer Zuhörer:innen Männer sind. Aber wie das Ethos von Frisky sind es die Frauen, die das Zielpublikum für ihre Musik sind: „Ich fühle mich von niemandem unter Druck gesetzt, Kabaya zu sein, vor allem nicht von den Männern“, sagt sie mit Bestimmtheit, „ich mache meine Musik nicht für sie, ich mache sie für die Frauen.“

Karen Chalamilla ist eine 24-jährige, in Tansania geborene und aufgewachsene Kulturautorin. Ihre Arbeit befasst sich mit Popkultur, Musik, Fernsehen und Film sowie Literatur, wobei sie häufig deren Wechselwirkung mit Fragen der Rasse, des Geschlechts und der Sexualität untersucht.

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

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Musik

Im Auge behalten: TRS

Im Auge behalten: TRS
von Naila Aroni

Als TRS (Triss) die Tracklist für ihre EP zusammenstellte, war die Wahl von „Respectfully“ als Leadsingle eine unbewusste Entscheidung. „Respectfully fühlt sich wie eine Art Einführung an“, sagt sie. „Damit stelle ich mich der Welt vor, und lerne mich selbst neu kennen“.

Für die junge äthiopisch-kanadische Singer-Songwriterin beruht das persönliche Wachstum, das sich in ihrem Schaffen widerspiegelt, auf Unabhängigkeit. Um als unabhängige Künstlerin in der aktuellen Szene von Vancouver zu bestehen, braucht man ein ganzes Dorf hinter sich. Besonders schwierig ist es, wenn die Menschen um einen herum nicht so aussehen und klingen wie man selbst. „In einem Viertel aufzuwachsen, in dem ich in fast jedem Raum die einzige Schwarze war, machte es so schwierig, mein Schwarzsein zu schätzen“. TRS hat sich mit der Regisseurin Andrea Nazarian zusammengetan, um uns daran zu erinnern, dass wir Selbstermächtigung nicht mit Isolation verwechseln sollten. Ihr Video würdigt die Homies und insbesondere die Schwarze Frau, die ihre Kunstfertigkeit in die Wiege gelegt hat. Während ihre Lyrik die Turbulenzen einfängt, die das persönliche Wachstum mit sich bringt, bleibt ihr sanfter Gesang seidig weich.

Wir sprachen mit TRS und Regisseurin Andrea, inwiefern „Respectfully“ einen neuen Schritt in der Entwicklung von TRS darstellt. Willkommen in der Welt von TRS.

Warum hast du 'Respectfully' als erste Single auf deiner EP ausgewählt?

TRS: Sie repräsentiert eine Version von mir, die keine Kompromisse bei ihrer Wahrheit eingeht, unabhängig davon, wie andere darüber denken. Ich hatte lange Zeit die Tendenz, die Gefühle und den Komfort anderer auf meine eigenen Kosten zu befriedigen, und das ist etwas, das ich langsam aber sicher loszulassen lerne. Im Moment ist meine Wahrheit, dass nichts und niemand vor meinen Lieben, meiner Kunst und dem Aufbau von nachhaltigem, dauerhaftem Wohlstand für mich und meine Familie kommen wird.

Könnt ihr zwei mir etwas über den Denkprozess hinter dem Video erzählen? Von der Idee über die Ausführung bis zum Abschluss.

TRS: Ich bin gesegnet mit talentierten, fähigen, strahlenden Freund:innen, von denen ich einige schon fast mein ganzes Leben lang kenne. Es war mir wichtig, dass die Beziehungen, die ich in meinen Texten erwähne, auf und neben der Leinwand vertreten waren. Ich wollte die in den Texten erwähnten Themen so weit wie möglich in die Gestaltung des Videos einbeziehen, was mit dem Team beginnt. Der Text und die Darbietung sind sorglos und unverblümt, was ein weiteres Element ist, das ich in die visuellen Darstellungen übertragen wollte. Hier kommt die B-roll ins Spiel, in der wir einfach nur chillen und wir selbst sind. Außerdem liebe ich die Landschaften, die die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, zu bieten hat, und das mussten wir ausnutzen. Andrea hat phänomenale Arbeit geleistet und einige der atemberaubendsten Aussichten, die BC zu bieten hat, ausgekundschaftet.

ANDREA: Dies ist das erste große Musikvideo von TRS, und wir haben bei der Postproduktion eng zusammengearbeitet. TRS und ich hatten mehrere Sitzungen im Schneideraum mit unserem Postproduktionsteam Red Willow, um die perfekten Clips und Momente herauszusuchen, die Performance, Ästhetik, Storytelling und Schwesternschaft in einem Gesamtpaket vereinen, das sowohl sie als auch mich anspricht – und hier ist das Ergebnis!

Wir haben das Privileg, im wunderschönen British Columbia zu leben, und wollten die unglaubliche Natur, die uns zur Verfügung steht, in dieses Video einfließen lassen. Wir wählten einen abgelegenen Strand außerhalb von Vancouver als Eröffnungsszene, um TRS als die geheimnisvolle, selbstbewusste Darstellerin zu zeigen, die sie ist. Als Gegengewicht zu der Schönheit der Natur fanden wir einen wunderschönen architektonischen Ort mit Buntglasfenstern – und nutzten diesen Raum, um TRS in einem jenseitigen Licht zu zeigen, mit farbigen Reflexen, die über ihr Gesicht tanzen, und TRS‘ auffälliges Make-up und ihre Garderobe, die ihr eine Art Alter Ego verleihen.

Tangaza Magazine

Dieser Artikel erschien im Original bei auf Englisch bei Tangaza Magazine, einem Online-Musikmagazin für Ostafrika.

Was hat dir bei den Dreharbeiten am besten gefallen?

TRS: Ehrlich gesagt… Alles. Aber ich würde sagen, der erste Dreh, bei dem wir die Aufnahmen gemacht haben, wie wir durch das Tal in Pitt Meadows fahren. Es war alles so neu und aufregend; wir hatten keine Ahnung, wohin uns dieser Prozess führen würde. Alle Beteiligten waren an diesem Tag am Set, und die Energie war unglaublich. Auch für die Girls war es das erste Mal, dass sie auf diese Weise vor der Kamera standen, und es war erstaunlich zu sehen, wie sie sich von Nervosität hin zum Wohlfühlen und zur Entfaltung ihrer inneren Schönheit entwickelten.

Du hast erwähnt, dass das Video eine Ode an die Schwarze Schwesternschaft ist. Wie wichtig war die Schwarze Schwesternschaft für dein künstlerisches Schaffen?

TRS: Ich will nicht dramatisch sein, aber die Schwarze Schwesternschaft hat mich gerettet. Ich hatte das Glück, zu einer tollen äthiopischen und eritreischen Gemeinschaft in Vancouver zu gehören und in einem Raum zu leben, in dem ich verstanden wurde, ohne mich erklären zu müssen. So sind diese lebenslangen Freundschaften entstanden. Diese Mädchen haben in meinem Leben so viel mitgemacht. Ehrlich gesagt glaube ich, dass es ein wichtiger Rettungsanker ist, (zumindest ein paar) Freund:innen zu haben, die so aussehen wie man selbst.

Welche anderen Themen behandelst du in den vier anderen Singles der EP?

TRS: Nach dem Intro entfaltet sich eine Liebesgeschichte. Sie umfasst die Übergänge zwischen den Gefühlen der Verliebtheit, der Intimität, des Herzschmerzes, der Loslösung und der Heilung, die das Durchleben einer Beziehung begleiten. Ich erkunde auch, wie Liebe und Verlust uns etwas über uns selbst lehren und zu unserem persönlichen Wachstum beitragen können. Es endet mit einer ungewöhnlichen Erklärung – einer, bei der es im Wesentlichen darum geht, sich für sich selbst zu entscheiden, ganz gleich, wie viel Liebe man für die andere Person empfindet.

Wie würdest du die Musikszene von Vancouver und ihren Einfluss auf deine Kunst beschreiben?

TRS: Die Szene in Vancouver ist frisch, innovativ und kollaborativ. Ich denke, diese neue Welle von Künstler:innen wird Vancouver auf eine Weise bekannt machen, wie es schon lange nicht mehr der Fall war. R&B und Hip Hop sind keine Genres, für die Vancouver bisher bekannt war. Vancouver ist voller Talente und war es schon immer, aber ich habe das Gefühl, dass diese Generation von Künstler:innen und Kreativen geeinter denn je ist und deshalb Geschichte schreiben wird. Und das hat mich so sehr inspiriert.  

TRS © Neena Robertson

Naila Aroni ist Juristin und Künstlerin, geboren und wohnhaft in Nairobi, Kenia. Wenn sie nicht bei der Zeitschrift Tangaza arbeitet, verbringt sie ihre Zeit damit, darüber nachzudenken, wie man nduma abschaffen kann.

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

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