Kategorien
Literatur

Orliane Kamwa Kemadjou

Orliane Kamwa Kemadjous »Sonnenwenden«

Die afrodiasporische Poetin und Kulturschaffende veröffentlichte im Dezember 2025 ihren ersten Gedichtband: »Sonnenwenden«. Kemadjous Texte behandeln Menschen und Beziehungen, Erinnerung, Schwarzen Feminismus und Fragen nach Identität. Orliane schreibt aus den Erfahrungen einer Schwarzen Flinta-Person. Aufgewachsen in der Kleinstadt als Kind von Eltern, die emigriert sind, zu einer Zeit, als Hochsensibilität noch kein Begriff war. Im Interview erzählt sie mir, wie sie zum Schreiben kam, wie ihr Gedichtband entstanden ist und was der BLAST im Ruhrgebiet ist.

Interview von Maxie Richter

Du hast eine Ausbildung und arbeitest in der Verwaltung, bist aber auch seit einigen Jahren in verschiedenen KünstlerInnenkollektiven aktiv. Wie hängt das zusammen, dein Berufsleben und dein künstlerisches und kulturellles Schaffen?

Das ist alles ein bisschen verwoben. Ich war an der Uni mit Deutsch und Reli eingeschrieben. Dann kam Corona und ich war wahnsinnig unzufrieden. Das Studium hätte sich noch unglaublich lange gezogen und dann stieß ich tatsächlich auf Tumblr auf einen Post: »Als Erwachsene wieder zu sich selbst zu finden, hat viel damit zu tun, den Dingen nachzugehen, die man als Kind geliebt hat.« Als Kind habe ich immer Worte, Geschichten und das Schreiben geliebt. Also habe ich von ein auf den anderen Tag beschlossen, wieder zu schreiben. Mein Leben hat sich dann mehr und mehr von Vorlesungen zu Räumen, wo ich mit Gleichgesinnten schreiben kann, verschoben. Das war auch zu der Zeit, als der Tod von George Floyd viele bewegt hat. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland haben sich viele Schwarze Gemeinschaften dazu entschlossen, sich zu organisieren und zu empowern. Im Zuge einer dieser Wellen habe ich viele gleichgesinnte Schreibende gefunden. Wir haben uns zum Kollektiv LetterboxVoices zusammengeschlossen. Letterbox, weil wir offene DMs behalten wollten, sodass Betroffene uns schreiben können, die sich nicht trauen, ihre eigene Identität an ihre Worte zu knüpfen. Wir haben als Kollektiv und als Verteiler agiert und haben online Schreibräume und kleine Auftritte organisiert. Mittlerweile sind wir nicht mehr aktiv, aber immer noch befreundet. Gleichzeitig finanzierte ich aber mein Studium über BAföG. Als ich dann gesagt habe, ich kann nicht mehr studieren, musste ich mir eine Lohnarbeit suchen, die meine Rechnungen zahlt. Da bin ich dann in die Verwaltung gerutscht, weil die Stadt, in der ich wohne, das damals als Quereinstieg angeboten hatte. Das heißt, meine Studienleistungen wurden mir anerkannt und ich konnte die Ausbildung verkürzen. Der öffentliche Dienst ist ganz gut mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen, z.B. Gleitzeit, sodass ich die Sachen so parallel machen kann.

»Sonnenwenden – Alles kommt, alles geht«. Du hast im Dezember letzten Jahres den Release gefeiert. Wie ist dieses Buch entstanden?

Es ist eine Art von Archiv und Sammlung von dieser Zeit des Übergangs vom Studium bis zu dem Punkt, an dem ich mich als Poetin, als Kulturschaffende, bezeichnet habe und ich so Teilhabe in der Praxis ausgeübt habe. Ich habe mich vorher gar nicht berufen gefühlt und das nicht als Option gesehen für mich. Im Rahmen dieser ganzen Räume, die entstanden sind und ich mir erschlossen habe, sind immer wieder Texte entstanden. Die sind dann teilweise abgeändert, umgeschrieben als Sammlung, Archiv und Zeugnis gleichzeitig in diesem Band zusammengefasst worden. So ist dieses Buch entstanden.

Veröffentlicht habe ich es über das Projekt bold vom Literaturhaus Bonn. Das ist eine Förderung vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft für junge Literatur aus Nordrhein-Westfalen. Da ich den Release nicht über meine private IG-Seite ankündigen wollte, habe ich die Seite KartoffelnundYamsPoetry erstellt. Der Name ist der Titel von meinem ersten Gedicht, das ich als Künstlerin veröffentlicht habe: Kartoffeln und Yams.

Mittlerweile schreibe ich immer mal wieder Institutionen an und bin gespannt, welche Gelegenheiten sich noch für Lesungen oder sonstige Veranstaltungen ergeben. Wegen meiner Vollzeitstelle lasse ich mir damit aber Zeit. Außerdem nehme ich hin und wieder ein paar Bücher unterwegs mit und lege sie in Zu-Verschenken-Kisten oder Büchertauschregale, weil ich von der Förderung noch genug Geld überhatte, um ein paar Bücher für mich drucken zu lassen. Die bringe ich auch zu Lesungen mit. Sodass ich das Buch ein bisschen in der Stadt, im Ruhrgebiet, das mir ja so ans Herz gewachsen ist, verteilen kann.

Wie ist dein Verhältnis zu Sprache und zum Schreiben? Du switchst manchmal auch ins Englische. Wo fühlst du dich da zuhause?

Am wohlsten fühle ich mich im Deutschen, weil das die Sprache ist, in der ich denke, auch im Alltag. Das ist die Sprache, in der ich mich am sichersten fühle. Ich möchte aber auch das Vokabular und den Satzbau von den Sprachen einbringen, mit denen ich aufgewachsen bin. Das sind Englisch und Französisch – von meinen Eltern kommt das Französisch, später die Medien, die ich konsumiert habe, waren englischsprachig. Und so ein bisschen das Vokabular meiner Freunde. Wir schmeißen oft mit englischen Begriffen um uns, mit Memes, mit TikToks. So haben wir in der Community unsere eigene Sprache gefunden. Jeder bringt was mit rein und übernimmt was. Das möchte ich in der Sprache auch wiedergeben.

Generell verbinde ich mit dem Schreiben den Zugang, diese ständige Kommunikation. Ich bin der Meinung, dass man nicht nicht-kommunizieren kann – zwischen allem, was lebt und lebendig ist und existiert eigentlich. Alles kommuniziert, man ist ständig in Beziehung zueinander. Und ich glaube, um das einzufangen, gibt es verschiedene Mittel und Wege und mein Kanal ist eben das Schreiben.

Der Gedichtband ist gesplittet in die vier Jahreszeiten. Du endest aber mit dem Teil Balance, »Sommersonnenwende« und schreibst: Also beginne noch einmal // versuche es noch einmal // umarme jede neue Jahreszeit // Obwohl du sie schon kennst // ist es diesmal nicht dieselbe. Das ist in sich relativ geschlossen. Mit welchem Gefühl gehst du aus diesem ersten Werk?

Bei der Release Party habe ich erzählt: Ich wollte schon immer ein Buch veröffentlichen. Ich dachte, wenn ich das Buch in der Hand halte, dann werde ich von der Raupe zum Schmetterling, dass dann eine krasse Entwicklung stattgefunden hat. Hat sie bestimmt auch, aber ich hatte dann dieses Buch in der Hand und dachte, ich war eigentlich schon immer ein Schmetterling ohne die notwendigen Ressourcen, um das nach außen zu tragen. Insofern bin ich mit einem Gefühl von Genugtuung da rausgegangen. Mit einer Form von Gewissheit, dass die Sachen und die Passion, um zu schaffen und zu wirken in dieser Welt, eigentlich schon in mir lagen, in meinem Kern fließen, und mit dieser Sicherheit gehe ich auch in die folgenden Projekte.

Was folgt jetzt auf diese erste Veröffentlichung?

Was sich gerade gründet, ist BLAST, das steht für Black Activist Stammtisch. Wir wollen einen Raum für Schwarze Menschen in Essen erschließen. Das sind u.a. Leute, die habe ich erst in den letzten Monaten kennengelernt, mixed, von anderen Schwarzen Personen, die auch kunst- und kulturschaffend sind, und das ähnlich leben. Die also selbstorganisiert sind, irgendeiner Form von Lohnarbeit nachgehen, Ausbildung oder Uni nebenbei. Sind aber ehrenamtlich voll engagiert, im Herzen dabei und haben Erfahrung damit, sich Räume zu erschließen. Gleichzeitig brennt es ihnen auf dem Herzen, das weiterzugeben, damit die nächste Generation von diesem Wissen und dem Empowerment profitiert. Ich sehe mich zwar immer noch mit einem Hauptmerk auf Worten und Lyrik, aber letztlich doch mehr in der kollektiven Kulturarbeit. Sozusagen Community Building mit diesem Stammtisch.

Aber ich möchte auch an längeren Projekten arbeiten, vielleicht Kurzgeschichten − will mich da jetzt aber nicht so festlegen, sondern würde mich immer davon leiten lassen, was mich inspiriert und welche Impulse ich von außen kriege.

Das heißt du bist stehst jetzt an der Schnittstelle von Community und Kulturarbeit und dein künstlerisches Schaffen wohnt dem inne und entsteht daraus.

Genau!

Und was wünschst du dir für die Zukunft für deine Arbeit zwischen Community, Kultur und Kunst? Wie gestaltet sich das gerade unter der aktuellen Kulturpolitik?

Ich würde mir wünschen, dass die Projekte, an denen ich teilnehmen darf, ein bisschen standhafter sind. Ich gebe manchmal Schreibworkshops, bei denen ist z.B. schon klar, die gehen nur zwei Tage und dann sieht man sich nie wieder. Ich würde mir wünschen, dass das langlebigere Projekte sind, die in dem Sinne auch institutionell verankert sind. Z.B. war die Förderung von bold, mit der ich den Gedichtband finanziert habe, sehr niederschwellig, sodass ich damit gut arbeiten konnte. Mir ist aber bewusst, dass im Kulturbetrieb viele Förderungen mit unglaublich viel Papierkram und institutionellen Hürden verbunden sind. Ich müsste mir also viel Wissen aneignen, bevor ich überhaupt die Möglichkeit habe, da gleichgestellt zu sein, was Chancen und Zugang betrifft. Insofern wünsche ich mir da das Wissen, wie ich mir da selber Zugänge herstellen kann, dass das alles mehr Hand und Fuß hat.

Ein weiterer Punkt ist Verortung, das Ruhrgebiet wirkt total gut vernetzt und ist es zum Teil auch. Ich glaube es gibt Städte, die haben zentrale Punkte wie Köln und Düsseldorf, da läuft alles drum herum. Das Ruhrgebiet hat wirklich einen ganz besonderen Charme, weil jede Stadt so gut erreichbar ist. Aber es gibt viele kleine Kunst- und Kulturvereine, die ihr eigenes Süppchen kochen und nicht miteinander in Austausch sind. Ich wünsche mir mehr Verortung in der Nähe, dass es eine große Dachmarke gibt, unter der wir alle vernetzt sind. Aber ich wünsche mir auch für mich, dass ich besser einschätzen kann, welches Wirken unser Tun haben kann. Also hier in der Stadt Essen, wo ich lebe, ist das gut zu sehen; so viele Leute sind gekommen, denen habe ich die Hand gereicht, die haben sich mit ihren Anliegen an uns gewandt. Wir können sehen, wie das nachhaltig wirkt bzw. was überhaupt der Bedarf vor Ort ist. Da bin ich froh, dass Leute mit im Team sind, dass man Kräfte und Energie bündeln kann, und das allein ist schon ein Zeichen dafür, dass sich viel getan und bewegt hat – das Gefühl, nicht alleine zu sein. Oft gibt es dieses Bild vom Künstler, der so allein im stillen Kämmerchen vor sich hinarbeitet, und dann kommt er raus mit seinem fertigen Projekt und ist total genial und ich glaube ganz viel Kraft liegt in Gemeinschaft.

März // frische luft kommt // mir entgegen // oh, wie schön es ist // endlich wach zu sein // lauf die treppen herunter // schnell und ungeduldig // kommt bald wieder regen // erwartungsvoll auf // den neuanfang // mir ist wohl bei dem gedanken // dass es wärmer wird // meine stirn ruht // am kalten taxi // fenster während es // durch die nacht gleitet // und whitney houston aus // dem radio klingt // oh, wie schön es ist // zu lieben an jedem neuen // tag an dem // du lebst // eine schönere hymne wurde // nie geschrieben // i will always love you

Welches Gedicht oder Message aus dem Gedichtband hallt in dir am meisten nach?

Alles kommt, alles geht. Das wäre »Sommersonnenwende«, das am meisten mit mir räsoniert. Deswegen habe ich das auch ans Ende gesetzt. Und der »Orangendieb«, weil ich darauf am meisten angesprochen werde, was ich nicht so erwartet hätte.

Und ich kann mir vorstellen, Lyrik ist nicht für jede Person. Wenn meine Gedichte eine Person irgendwie bewegen, dann ist das schon vollkommen genug, weil wir so ein Stück in Kontakt getreten sind.

Orliane Kamwa Kemadjou

»Sonnenwenden« kaufen

Gedicht »März« mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Bild im Header: Orliane Kamwa Kemadjou © privat

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

Weiterlesen »

contribute

Du hast Fragen, Kritik oder Themenvorschläge für akono? Dann schreib uns gerne.
Kategorien
Musik

Omar Jatta

Omar Jatta mischt die
deutsche Afroszene auf

Der afrodeutsche Musiker mit Wurzeln in Gambia und Senegal verbindet Afrobeats, Amapiano und Afro-Drill mit conscious Lyrics auf Deutsch und Mandinka. In seinen Songs geht es um Herkunft, Haltung und das Leben in der Diaspora – kritisch, empowernd und tanzbar zugleich.

Mit seiner Debüt-EP »Sprachlos« (2024) und Auftritten beim Summerjam, auf dem Splash und bei Reggae Festivals hat sich Omar Jatta schon als feste Größe etabliert. Sein Song »Woher ich komm« ist für viele zur Hymne geworden. Mit seinem zuletzt erschienenen Track »Schwarzer Mann« wirft er einen sozialkritischen Blick auf das Kinderspiel Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? und macht deutlich, wie scheinbar harmlose Rituale rassistische Denkmuster festigen können. Omar liefert Musik und Shows mit Moves, Vibes und Tiefgang. akono hat sich mit ihm zum Interview verabredet.

Du hast früher eher Popmusik mit englischen Texten gemacht. Wie kam der Wechsel hin zu Afrobeats und Amapiano mit deutschen Texten zustande?  

Ich habe mit meinem Kollegen Atché Nivain zusammen damals Musik gemacht, wir hatten auch Audio-Sessions im Studio und wir haben viel Afrobeats auf Englisch gehört. Irgendwie haben wir dann gesagt: Hey, das müssen wir auf Deutsch auch machen. Zusammen haben wir ein paar Demos gemacht, dann »Vibrations« herausgebracht. Das war, bevor ich groß aufgetreten bin, damals hatte ich eher so random Partyauftritte.

Das heißt, du machst Afrobeats und Amapiano einfach, weil du Bock drauf hast und das gute Musik ist? Oder hat das bei dir auch etwas mit Rückbesinnung auf kulturelle Wurzeln zu tun? Amapiano kommt ja eher aus Südafrika.

Der Zugang zu dieser Art von Musik war für mich einfacher als zu der Musik, die hier bei uns in Deutschland läuft. Ich kannte damals kaum Künstler, die diesen Sound gemacht haben, aber ich fand es geil, fand es schnell und fand auch, dass ich meine Message auf einem mir bekannten Rhythmus besser verbreiten kann. Es war aber am Anfang total schwer, darauf deutsche Texte zu singen. Meine Einflüsse kamen vor allem aus England, zum Beispiel von NSG. Die haben mich geknackt.

Wer sind noch musikalische Vorbilder für dich?

Wizkid, Asake, Pa Salieu, J Hus, mein Onkel Jalimadi Kanuteh und mein Opa Alhaji Banna Kanuteh aus Gambia. Ich habe zwar nicht viel Bezug zu meinem Opa als Person, aber zu der Musik, die er gemacht hat. Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Ich glaube, das war für mich auch so vorherbestimmt. Und warum ich Afro machen wollte? Ich bin in einem Afroshop aufgewachsen. Zwischen deutschen Menschen und afrikanischen und afrodeutschen. Ich nenne die Leute afrodeutsch, das sind so Leute wie ich eigentlich. Ich bin ein Afrikaner, aber ich spreche deutsch. Real Shit. Ich werde niemals 100% so sein können wie die Brüder und Schwestern in Gambia, die sind einfach anders als wir. Die haben nicht die gleiche Art, aufzuwachsen. Wir fangen mit zwölf an, zu kiffen. Das ist doch ein ganz anderes Leben.

Aber ich dachte mir, wenn ich das alles so verpacke, helfe ich auch anderen Menschen, die Deutsch lernen, die Sprache besser zu verstehen, weil ich auch teilweise Worte benutze, die die aus ihrem DuoLinguo kennen. Die Worte, die ich nutze, sind Schlagworte, weil man sehr viel mit Alltagsdingen zu kämpfen hat. Ich habe schon viele Menschen zu Ämtern begleitet, Formulare ausfüllen, Interviews für Papierkram und so weiter. Das sind Dinge, die mich dazu beeinflusst haben afrodeutsche Musik zu machen. Mittlerweile gibt es zwar mehr afrodeutsche Musiker*innen, aber ich habe noch nicht dieses eine Album, bei dem ich sagen würde: Okay, what does it mean to be Afro-German? Und ich zeige in meiner Musik weder mit dem Finger auf jemanden noch habe ich nur Happy-Vibes, sondern ich erkläre den Leuten, was ein Scheiß-Afroshop ist. Genau das.

Omar Jatta © Michelle Mebune

Das heißt, dein Zielpublikum sind vor allem afrodeutsche Communities?

Das verstehe ich nicht. Wir sind alle Afrodeutsche in einem Land, deswegen sollte es eine Community sein. Im Endeffekt gibt es eine deutsche Community und dann gibt es verschiedene Parteien. Die Deutschen halten zusammen, wenn es um irgendetwas geht. Hart auf hart, sie halten zusammen. Und da fehlt bei uns etwas, woran wir uns festhalten können. Es geht nicht darum, einen riesigen Aufstand anzuzetteln oder so, nein. Aber wenn mehr Leute da sind, die sprechen, kann auch mehr Leuten zugehört werden. Wir sind über 80 Millionen Menschen in Deutschland.

Musik hat ja auch einen großen Identifikationsfaktor. Wenn du in Kiel als junger Schwarzer Mann aufwächst und gar keinen Bezug zu einer musikalischen Community hast, die mit Afrobeats zu tun hat, dann kannst du dich natürlich in der Musik von Omar Jatta auch finden, Zugehörigkeit finden, Widerstandsgeist gegenüber dem ganzen Alltagsscheiß auf Ämtern und so.

Und andere Themen ansprechen. Was ich viel von Afro-German Musicians mitbekomme ist: Wir sind immer so in diesem Bild von Trap Life, Hip Hop, harter Dre, aber ich frage mich, warum das Bild so ist, wenn am Ende des Tages doch eigentlich alle zu nem Fela Kuti Konzert gehen wollen? Bevor Festivals Millionen von Euros für ausländische Artists ausgeben, könnten sie doch auch die Artists buchen, die es hier gibt. Es gibt zu wenig Jungs und Mädels, diverse, anything aus meinen Reihen. Wenn wir afrikanische Musik hören, denken wir an unsere Geschichte. Nicht nur an Traumatisierung und so etwas. Sondern viele Leute vergessen, woher sie kommen und was sie interessant macht. Du bist hier und sprichst deutsch, aber irgendwie bist du nicht deutsch. Und da kommen die Fragen: Wo kommst du her? Das muss ja nicht immer schlecht sein. Wenn wir einen Grund haben, neugierig zu sein, dann sollten wir das doch genießen können.

Es wäre ja auch schön, wenn der Deutsch-Begriff irgendwann mal so aufgeweicht wird, dass all diese verschiedenen Geschichten deutsch sein können.

Ich bin bei Gott nicht ein Deutscher wie ein anderer Deutscher, der nicht hierhergekommen ist. Das will ich auch nicht sein. Ich bin Omar Jatta, der hier lebt.

Zuletzt hast du »Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?« herausgebracht, ein sehr geiler Track. Wie kam das zustande? Die politische Message da drin ist ja sehr stark, das ist kein hedonistisches Lied, sondern behandelt gesellschaftliche Fragen.

Genau. Wir kennen ja alle das Kinderspiel. Die Frage war bei mir: Okay, wir haben dieses Spiel gespielt und die meisten wussten, worum es geht. Es wurde oft eine Art racist Situation daraus gemacht, weil zum Beispiel die einzige Schwarze Person den Schwarzen Mann spielen musste. Es ist vielleicht ursprünglich nicht rassistisch gewesen, aber genau das macht es dazu. Ich weiß, dass viel in der Welt passiert, aber wenn ich mich jetzt beschreibe als Senegalese, Gambier, beschreibe ich einfach, was ich mache, mein Leben und frage euch dann: Sagt mal, wer hat denn eigentlich wirklich Angst vorm Schwarzen Mann?

Na klar gibt es auch Schwarze Männer, die sich wie ein Vollidiot verhalten. Und dann gibt es auch welche, die komplett durchdrehen und Junkies werden. Das muss ich zugeben. Aber fragt sich mal einer, warum? Ich zum Beispiel kenne die Sicht von Leuten, die an Ämtern verzweifeln und dann in der Psychiatrie landen. Und aus denen werden dann die Leute, die da draußen herumgeistern.

Aber ich dachte mir einfach: Hey, ich feiere, wer ich bin und was ich mache. Wer hat da bitte Angst? Oft habe ich in meinem Leben gemerkt, dass irgendwas off ist. Aber keiner hat mir ins Gesicht gesagt: Das und das geht ab. Wenn du mir nicht mal ins Gesicht sagen kannst, was Sache ist, solltest du gar nicht erst diese Gedanken haben. Ich hasse es, wenn es so leise passiert. Wenn man in eine Bahn kommt und dann starren einen alle an. Ich spüre diese Blicke, ich spüre, wie mich Menschen ansehen. Das ist schon crazy. Deswegen hab ich einfach gedacht, ich stelle meine Kultur vor und frage euch ganz direkt: Wer hat Angst vor mir, dem Schwarzen Mann und meiner Kultur? Weil die süßen Kids, die ich kenne, sind auf jeden Fall sweet.

Und wie waren bisher die Reaktionen auf den Track?

Das Ding ist auf TikTok auf 200.000 Klicks gegangen auf einmal. Das hat natürlich eine riesengroße Debatte ausgelöst. Das ist auch immer sweet, dass es Leute gibt, die sich direkt so hart angegriffen fühlen. Ich habe ja nie gesagt, dass das Spiel rassistisch ist. Ich habe nur diese Floskel aufgegriffen und daraus einen Song gemacht. Aber wenn ich als Schwarzer Mann so einen Song mache, heißt es auf einmal, ich will die Rassismuskarte ziehen. Nee. Aber ich habe euch getriggert, genau wie ich immer wieder getriggert werde. Was ich aber gut fand ist, dass viele positive Kommentare gab. Viele waren verwirrt, was ich auch verstehe. Viele haben in den Kommentaren erklärt, worum es in dem Spiel eigentlich geht. Da habe ich mir gedacht: Gut, wenn das der Nutzen ist und nun Leuten erklärt wird, was der Hintergrund des Spieles ist – bitte. Werdet aufgeklärt. Aber versucht mich nicht in den Dreck zu ziehen. Ich mache da eh nicht mit. Und jetzt fangen Leute online na, den Song für ihren Content zu nutzen.

Was kommt als Nächstes von dir?

Am 17. Oktober kommt der Song »Stopp« raus. Boah, der ist geil. Der ist richtig geil. Der geht in die Richtung Amapiano, Afro-House, 3-step Amapiano. Was den Beat angeht, hat mich j-jdacosta aus Köln inspiriert, das ist ein anderer Künstler, der aber auch produziert. Für mich einer der krassesten Produzenten, die es hier gibt! Der ist super. Der Song ist nach dem Summerjam entstanden, nachdem ich das erste Mal dort war und von der Bühne heruntergegangen bin. Die Zeit davor und danach war echt hart und ich war so in einem Modus von: Mir sind persönlich ziemlich viele Menschen auf die Nerven gegangen, mir ist viel auf die Nerven gegangen, mir ist als Schwarzer Mensch viel auf die Nerven gegangen. Ich war so: Ja okay, ich bin in dieser Musikszene, die mainly von so weißen Cis-Hetero Männern geruled wird. Man muss auch einfach einen krassen Unterschied dazwischen machen, wie sich Männer einem gegenüber verhalten und wie sich Frauen einem gegenüber verhalten. Manche sind halt einfach Old People und haben kein Verständnis, keine Offenheit für etwas neues. Hier in der Musikszene gibt es so viele, die einfach nur den safen Weg gehen wollen. Dabei sind gleichzeitig so viele unabhängige Künstler*innen hier draußen, unabhängig von der Ethnie, die so viel mehr können als die Label Artists und keine Möglichkeit kriegen, irgendwo zu spielen, weil sie die ganze Zeit gegen diese Konsumfresser ankommen müssen. Ich will niemandem seine Arbeit schlecht reden, aber viele upcoming Artists haben es verdient, auch auf diesen Bühnen zu sein, unabhängig davon, wer sie sind und wo sie stehen, einfach, weil sie eine kranke Show abliefern.

Das heißt das Booking ist noch etwas exklusiv?

Das ist einfach noch so ein Community Ding. Black Music wird nur bis zu einem gewissen Grad gepusht. Ich mache ja auch afrikanische Musik, das ist was ganz anderes als dieser Hip Hop, der da herrscht.

Wie würdest du das »Afrikanische« an deiner Musik beschreiben? Ist das was Sprachliches oder was Instrumentales?

Sprachlich und inhaltlich einfach. Weil ich von dem Leben erzähle, von Menschen, die ihr zuhause verlassen und nach Europa kommen. Ich spreche von Afrodeutschen. Ich spreche von uns. Von uns, die wir hier sind.

Was wünschst du dir für deine Karriere und deine Art von Musik im deutschsprachigen Raum?

Dass sich noch mehr Leute trauen, solche Musik zu machen, egal, wo sie herkommen, und einfach über sich selbst und ihre Community reden. Was ich mir für meine eigene Karriere wünsche? Ich habe Bühnen, ich bin mega happy und so. Ich will einfach nur nice Features machen. Ich habe Bock, mit den Menschen, die es schon in der afrodeutschen Musik gibt, Musik zu machen und deren Scheiß mal zu verändern. Denn ich habe mich von denen beeinflussen lassen und jetzt wird es Zeit, dass die sich von uns beeinflussen lassen. Ich habe schon viel erlebt und viel mitnehmen können. Ich bin dankbar. Aber das ganze jetzt noch einmal in einer anderen Dimension, mit einem festen Team und dass wir mehr Geld verdienen können. Ich wünsche mir mehr Förderung für unabhängige Artists.

Omar Jatta

Website

Instagram

Spotify

Bild im Header: Omar Jatta © Vanessa Hübner

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

Weiterlesen »

contribute

Du hast Fragen, Kritik oder Themenvorschläge für akono? Dann schreib uns gerne.
Verified by MonsterInsights