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Orliane Kamwa Kemadjou

Orliane Kamwa Kemadjous »Sonnenwenden«

Die afrodiasporische Poetin und Kulturschaffende veröffentlichte im Dezember 2025 ihren ersten Gedichtband: »Sonnenwenden«. Kemadjous Texte behandeln Menschen und Beziehungen, Erinnerung, Schwarzen Feminismus und Fragen nach Identität. Orliane schreibt aus den Erfahrungen einer Schwarzen Flinta-Person. Aufgewachsen in der Kleinstadt als Kind von Eltern, die emigriert sind, zu einer Zeit, als Hochsensibilität noch kein Begriff war. Im Interview erzählt sie mir, wie sie zum Schreiben kam, wie ihr Gedichtband entstanden ist und was der BlASt in Essen ist.

Interview von Maxie Richter

Du hast eine Ausbildung und arbeitest in der Verwaltung, bist aber auch seit einigen Jahren in verschiedenen KünstlerInnenkollektiven aktiv. Wie hängt das zusammen, dein Berufsleben und dein künstlerisches und kulturellles Schaffen?

Das ist alles ein bisschen verwoben. Ich war an der Uni mit Deutsch und Reli eingeschrieben. Dann kam Corona und ich war wahnsinnig unzufrieden. Das Studium hätte sich noch unglaublich lange gezogen und dann stieß ich tatsächlich auf Tumblr auf einen Post: »Als Erwachsene wieder zu sich selbst zu finden, hat viel damit zu tun, den Dingen nachzugehen, die man als Kind geliebt hat.« Als Kind habe ich immer Worte, Geschichten und das Schreiben geliebt. Also habe ich von ein auf den anderen Tag beschlossen, wieder zu schreiben. Mein Leben hat sich dann mehr und mehr von Vorlesungen zu Räumen, wo ich mit Gleichgesinnten schreiben kann, verschoben. Das war auch zu der Zeit, als der Tod von George Floyd viele bewegt hat. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland haben sich viele Schwarze Gemeinschaften dazu entschlossen, sich zu organisieren und zu empowern. Im Zuge einer dieser Wellen habe ich viele gleichgesinnte Schreibende gefunden. Wir haben uns zum Kollektiv LetterboxVoices zusammengeschlossen. Letterbox, weil wir offene DMs behalten wollten, sodass Betroffene uns schreiben können, die sich nicht trauen, ihre eigene Identität an ihre Worte zu knüpfen. Wir haben als Kollektiv und als Verteiler agiert und haben online Schreibräume und kleine Auftritte organisiert. Mittlerweile sind wir nicht mehr aktiv, aber immer noch befreundet. Gleichzeitig finanzierte ich aber mein Studium über BAföG. Als ich dann gesagt habe, ich kann nicht mehr studieren, musste ich mir eine Lohnarbeit suchen, die meine Rechnungen zahlt. Da bin ich dann in die Verwaltung gerutscht, weil die Stadt Essen das damals als Quereinstieg angeboten hatte. Das heißt, meine Studienleistungen wurden mir anerkannt und ich konnte die Ausbildung verkürzen. Der öffentliche Dienst ist ganz gut mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen, z.B. Gleitzeit, sodass ich die Sachen so parallel machen kann.

»Sonnenwenden – Alles kommt, alles geht«. Du hast im Dezember letzten Jahres den Release gefeiert. Wie ist dieses Buch entstanden?

Es ist eine Art von Archiv und Sammlung von dieser Zeit des Übergangs vom Studium bis zu dem Punkt, an dem ich mich als Poetin, als Kulturschaffende, bezeichnet habe und ich so Teilhabe in der Praxis ausgeübt habe. Ich habe mich vorher gar nicht berufen gefühlt und das nicht als Option gesehen für mich. Im Rahmen dieser ganzen Räume, die entstanden sind und ich mir erschlossen habe, sind immer wieder Texte entstanden. Die sind dann teilweise abgeändert, umgeschrieben als Sammlung, Archiv und Zeugnis gleichzeitig in diesem Band zusammengefasst worden. So ist dieses Buch entstanden.

Veröffentlicht habe ich es über das Projekt bold vom Literaturhaus Bonn. Das ist eine Förderung vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft für junge Literatur aus Nordrhein-Westfalen. Da ich den Release nicht über meine private IG-Seite ankündigen wollte, habe ich die Seite KartoffelnundYamsPoetry erstellt. Der Name ist der Titel von meinem ersten Gedicht, das ich als Künstlerin veröffentlicht habe: Kartoffeln und Yams.

Mittlerweile schreibe ich immer mal wieder Institutionen an und bin gespannt, welche Gelegenheiten sich noch für Lesungen oder sonstige Veranstaltungen ergeben. Wegen meiner Vollzeitstelle lasse ich mir damit aber Zeit. Außerdem nehme ich hin und wieder ein paar Bücher unterwegs mit und lege sie in Zu-Verschenken-Kisten oder Büchertauschregale, weil ich von der Förderung noch genug Geld überhatte, um ein paar Bücher für mich drucken zu lassen. Die bringe ich auch zu Lesungen mit. Sodass ich das Buch ein bisschen in der Stadt, im Ruhrgebiet, das mir ja so ans Herz gewachsen ist, verteilen kann.

Wie ist dein Verhältnis zu Sprache und zum Schreiben? Du switchst manchmal auch ins Englische. Wo fühlst du dich da zuhause?

Am wohlsten fühle ich mich im Deutschen, weil das die Sprache ist, in der ich denke, auch im Alltag. Das ist die Sprache, in der ich mich am sichersten fühle. Ich möchte aber auch das Vokabular und den Satzbau von den Sprachen einbringen, mit denen ich aufgewachsen bin. Das sind Englisch und Französisch – von meinen Eltern kommt das Französisch, später die Medien, die ich konsumiert habe, waren englischsprachig. Und so ein bisschen das Vokabular meiner Freunde. Wir schmeißen oft mit englischen Begriffen um uns, mit Memes, mit TikToks. So haben wir in der Community unsere eigene Sprache gefunden. Jeder bringt was mit rein und übernimmt was. Das möchte ich in der Sprache auch wiedergeben.

Generell verbinde ich mit dem Schreiben den Zugang, diese ständige Kommunikation. Ich bin der Meinung, dass man nicht nicht-kommunizieren kann – zwischen allem, was lebt und lebendig ist und existiert eigentlich. Alles kommuniziert, man ist ständig in Beziehung zueinander. Und ich glaube, um das einzufangen, gibt es verschiedene Mittel und Wege und mein Kanal ist eben das Schreiben.

Der Gedichtband ist gesplittet in die vier Jahreszeiten. Du endest aber mit dem Teil Balance, »Sommersonnenwende« und schreibst: Also beginne noch einmal // versuche es noch einmal // umarme jede neue Jahreszeit // Obwohl du sie schon kennst // ist es diesmal nicht dieselbe. Das ist in sich relativ geschlossen. Mit welchem Gefühl gehst du aus diesem ersten Werk?

Bei der Release Party habe ich erzählt: Ich wollte schon immer ein Buch veröffentlichen. Ich dachte, wenn ich das Buch in der Hand halte, dann werde ich von der Raupe zum Schmetterling, dass dann eine krasse Entwicklung stattgefunden hat. Hat sie bestimmt auch, aber ich hatte dann dieses Buch in der Hand und dachte, ich war eigentlich schon immer ein Schmetterling ohne die notwendigen Ressourcen, um das nach außen zu tragen. Insofern bin ich mit einem Gefühl von Genugtuung da rausgegangen. Mit einer Form von Gewissheit, dass die Sachen und die Passion, um zu schaffen und zu wirken in dieser Welt, eigentlich schon in mir lagen, in meinem Kern fließen, und mit dieser Sicherheit gehe ich auch in die folgenden Projekte.

Was folgt jetzt auf diese erste Veröffentlichung?

Was sich gerade gründet, ist BLAST, das steht für Black African Stammtisch. Wir wollen einen Raum für Schwarze Menschen in Essen erschließen. Das sind u.a. Leute, die habe ich erst in den letzten Monaten kennengelernt, mixed, von anderen Schwarzen Personen, die auch kunst- und kulturschaffend sind, und das ähnlich leben. Die also selbstorganisiert sind, irgendeiner Form von Lohnarbeit nachgehen, Ausbildung oder Uni nebenbei. Sind aber ehrenamtlich voll engagiert, im Herzen dabei und haben Erfahrung damit, sich Räume zu erschließen. Gleichzeitig brennt es ihnen auf dem Herzen, das weiterzugeben, damit die nächste Generation von diesem Wissen und dem Empowerment profitiert. Ich sehe mich zwar immer noch mit einem Hauptmerk auf Worten und Lyrik, aber letztlich doch mehr in der kollektiven Kulturarbeit. Sozusagen Community Building mit diesem Stammtisch.

Aber ich möchte auch an längeren Projekten arbeiten, vielleicht Kurzgeschichten − will mich da jetzt aber nicht so festlegen, sondern würde mich immer davon leiten lassen, was mich inspiriert und welche Impulse ich von außen kriege.

Das heißt du bist stehst jetzt an der Schnittstelle von Community und Kulturarbeit und dein künstlerisches Schaffen wohnt dem inne und entsteht daraus.

Genau!

Und was wünschst du dir für die Zukunft für deine Arbeit zwischen Community, Kultur und Kunst? Wie gestaltet sich das gerade unter der aktuellen Kulturpolitik?

Ich würde mir wünschen, dass die Projekte, an denen ich teilnehmen darf, ein bisschen standhafter sind. Ich gebe manchmal Schreibworkshops, bei denen ist z.B. schon klar, die gehen nur zwei Tage und dann sieht man sich nie wieder. Ich würde mir wünschen, dass das langlebigere Projekte sind, die in dem Sinne auch institutionell verankert sind. Z.B. war die Förderung von bold, mit der ich den Gedichtband finanziert habe, sehr niederschwellig, sodass ich damit gut arbeiten konnte. Mir ist aber bewusst, dass im Kulturbetrieb viele Förderungen mit unglaublich viel Papierkram und institutionellen Hürden verbunden sind. Ich müsste mir also viel Wissen aneignen, bevor ich überhaupt die Möglichkeit habe, da gleichgestellt zu sein, was Chancen und Zugang betrifft. Insofern wünsche ich mir da das Wissen, wie ich mir da selber Zugänge herstellen kann, dass das alles mehr Hand und Fuß hat.

Ein weiterer Punkt ist Verortung, das Ruhrgebiet wirkt total gut vernetzt und ist es zum Teil auch. Ich glaube es gibt Städte, die haben zentrale Punkte wie Köln und Düsseldorf, da läuft alles drum herum. Das Ruhrgebiet hat wirklich einen ganz besonderen Charme, weil jede Stadt so gut erreichbar ist. Aber es gibt viele kleine Kunst- und Kulturvereine, die ihr eigenes Süppchen kochen und nicht miteinander in Austausch sind. Ich wünsche mir mehr Verortung in der Nähe, dass es eine große Dachmarke gibt, unter der wir alle vernetzt sind. Aber ich wünsche mir auch für mich, dass ich besser einschätzen kann, welches Wirken unser Tun haben kann. Also hier in der Stadt Essen, wo ich lebe, ist das gut zu sehen; so viele Leute sind gekommen, denen habe ich die Hand gereicht, die haben sich mit ihren Anliegen an uns gewandt. Wir können sehen, wie das nachhaltig wirkt bzw. was überhaupt der Bedarf vor Ort ist. Da bin ich froh, dass Leute mit im Team sind, dass man Kräfte und Energie bündeln kann, und das allein ist schon ein Zeichen dafür, dass sich viel getan und bewegt hat – das Gefühl, nicht alleine zu sein. Oft gibt es dieses Bild vom Künstler, der so allein im stillen Kämmerchen vor sich hinarbeitet, und dann kommt er raus mit seinem fertigen Projekt und ist total genial und ich glaube ganz viel Kraft liegt in Gemeinschaft.

März // frische luft kommt // mir entgegen // oh, wie schön es ist // endlich wach zu sein // lauf die treppen herunter // schnell und ungeduldig // kommt bald wieder regen // erwartungsvoll auf // den neuanfang // mir ist wohl bei dem gedanken // dass es wärmer wird // meine stirn ruht // am kalten taxi // fenster während es // durch die nacht gleitet // und whitney houston aus // dem radio klingt // oh, wie schön es ist // zu lieben an jedem neuen // tag an dem // du lebst // eine schönere hymne wurde // nie geschrieben // i will always love you

Welches Gedicht oder Message aus dem Gedichtband hallt in dir am meisten nach?

Alles kommt, alles geht. Das wäre »Sommersonnenwende«, das am meisten mit mir räsoniert. Deswegen habe ich das auch ans Ende gesetzt. Und der »Orangendieb«, weil ich darauf am meisten angesprochen werde, was ich nicht so erwartet hätte.

Und ich kann mir vorstellen, Lyrik ist nicht für jede Person. Wenn meine Gedichte eine Person irgendwie bewegen, dann ist das schon vollkommen genug, weil wir so ein Stück in Kontakt getreten sind.

Orliane Kamwa Kemadjou

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Gedicht »März« mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Bild im Header: Orliane Kamwa Kemadjou © privat

Blick Bassy

Der kamerunische Musiker Blick Bassy ist in aller Munde. Über sein politisches Engagement und seine metaphysische Musik.

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