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Wir brauchen mehr: Fokus auf afrikanische Oratur
von Akaninyene

Es war einmal ein großer malischer Schriftsteller....

… namens Amadou Hampâté Bâ, der sagte, dass es jedes Mal, wenn ein alter Mann stirbt, so ist, als ob eine Bibliothek niedergebrannt worden wäre. Bâ bezog sich damit auf den Zustand der afrikanischen Literatur, aber jedes Mal, wenn ich das lese, stellt sich mir die Frage, ob das Glas halb leer oder halb voll ist. Denn obwohl es ein Zeugnis für den potenziellen literarischen Reichtum des afrikanischen Kontinents ist, erinnert es mich daran, dass wir trotz der Menge an literarischem Output, den der Kontinent hervorbringt, erst an der Oberfläche dessen kratzen, was eigentlich möglich wäre.

Wie die meisten von uns wissen, ist Afrika der zweitgrößte Kontinent der Welt. Mit 55 Ländern und über 2.000 Sprachen ist es wohl die vielfältigste Landmasse der Erde, mit einer reichen Palette an mündlichen Traditionen, von denen die meisten in den einheimischen Sprachen der Bewohner verankert sind. In Anbetracht der Tatsache, dass afrikanische Sprachen etwa ein Drittel aller weltweit verwendeten Sprachen ausmachen, ist es ganz schön schockierend, dass die meisten Sprachen, die in schulischen, formalen und offiziellen Kontexten verwendet werden, fremde – meist europäische – Sprachen sind.

Die Rolle, die die Kolonialisierung bei der Förderung des weit verbreiteten Gebrauchs von Fremdsprachen gespielt hat, kann kaum überschätzt werden, aber das ist ein Diskussionspunkt für einen anderen Beitrag. In diesem Beitrag möchte ich über das allgegenwärtige Bedürfnis sprechen, das wir als Afrikaner:innen haben und haben sollten, so viel von unserer Geschichte zu bewahren, wie wir können, nicht nur zum Nutzen von uns selbst, sondern auch für die zukünftigen Generationen, die noch nicht geboren sind.

Sprache ist, wie Victor Oladokun schrieb, allumfassend. Sie ist nicht nur ein Mittel, um zu kommunizieren. Sie ist auch ein Aufbewahrungsort für Werte, Bräuche, Kultur und Geschichte. Kurz gesagt: die Verkörperung dessen, was ein Volk ist. Weiter sagte er, dass „jede afrikanische Sprache ein Speicher für mündliche Geschichte und kollektive Werte ist. Die Beherrschung der Sprache gibt den Sprecher:innen daher ein intuitives Gefühl dafür, wer sie sind, woher sie kommen, wer sie potentiell sein können und wohin sie gehen“.

Angesichts des glorifizierten Status von Fremdsprachen auf dem Kontinent ist die Zahl der Afrikaner, die in ihrer Muttersprache lesen und schreiben können, auf einem historischen Tiefstand und es wird erwartet, dass sie mit jeder Generation weiter sinkt. In Anbetracht der Tatsache, dass der Großteil der afrikanischen Literatur in den einheimischen afrikanischen Sprachen existiert und auf Konzepten beruht, die nur im Kontext dieser Sprachen einen Sinn ergeben, ist es wirklich nicht weit hergeholt zu postulieren, dass, wenn die Dinge in diesem Tempo weitergehen, eine Zeit kommen wird, in der die meisten, wenn nicht alle, unserer mündlichen Traditionen für die Annalen der Geschichte verloren sein werden.

Niemand ist sich sicher, wie die Dinge aussehen würden, sollte dieser Tag kommen, aber meiner Meinung nach sollten wir nicht herumsitzen und darauf warten, es herauszufinden. Während die Meinungen darüber, in welcher Sprache wir als Afrikaner:innen sprechen und schreiben sollten, geteilt sein mögen, glaube ich, dass wir alle darin übereinstimmen sollten, dass die Bewahrung unserer Oratur Vorrang vor der Sprache haben sollte, in der sie bewahrt wird.

In der Zeit vor (und kurz nach) der Unabhängigkeit wurde eine Menge afrikanischer Literatur für westliche Leser geschrieben – fast wie ein geschriebener Mittelfinger, um zu zeigen, dass auch wir das können, von dem viele dachten, wir könnten es nicht. Auch wenn ich glaube, dass dies für die damalige Zeit gerechtfertigt oder sogar notwendig war, ist eine neue Generation herangewachsen, und da sich Afrikaner:innen auf der ganzen Welt mit einem Gefühl des unapologetischen Stolzes auf ihre Abstammung und ihr Erbe bewegen, denke ich, dass die Zeit für Sankofa gekommen ist.

Literandra

Dieser Essay erschien im englischen Original bei Literandra, einer gemeinnützigen digitalen Plattform, die literarische Kunstformen, die vom afrikanischen Kontinent ausgehen, vorstellt und zelebriert.

Wie Jennifer Nansubuga Makumbi in unserer Veranstaltung zur Schwarzen Literaturgeschichte sagte, ist es für afrikanische Autor:innen an der Zeit, nicht mehr als bloße Antwort auf fremde Meinungen und Forderungen zu schreiben. Es ist zwar an sich nichts Schlechtes daran, für andere zu schreiben, aber die Wahrheit ist, dass wir als Afrikaner:innen mehr brauchen. Wir müssen für uns selbst lesen, über uns selbst und als Antwort auf die Situationen, die uns betreffen. Wir müssen zurückgehen und die literarischen Relikte sichern, die die Seele des afrikanischen Geschichtenerzählens verkörpern und Generationen von afrikanischen Schriftsteller:innen bis heute inspirieren. Wir brauchen mehr.

Es besteht kein Zweifel daran, dass wir inzwischen sehr viel Wissen verloren haben, das unsere Vorfahren von ihren Vorfahren geerbt haben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass in den Köpfen unserer lebenden Ältesten noch vieles ungenutzt bleibt. Anzunehmen, dass das, was nicht über uns geschrieben wurde, nicht existiert, hieße, die Tiefe der afrikanischen Natur zu ignorieren. Aber sich in der Euphorie unserer mündlichen Traditionen zu sonnen, bedeutet, die Tatsache zu ignorieren, dass die Literatur nur so lange überleben kann, wie die, die sie bewahren.

Von den altägyptischen Schriftgelehrten bis hin zu zeitgenössischen nigerianischen Schriftsteller:innen wurden immer wieder Anstrengungen unternommen, afrikanische Mündlichkeit in Literatur zu übertragen, wo dies möglich war. Mazisi Kunenes Emperor Shaka the Great (1979) zum Beispiel basiert auf der mündlichen Überlieferung der Zulu. In jüngerer Zeit basierten Ben Okris The Famished Road (1991), Jennifer Makumbis Kintu (2014) und Chigozie Obiomas An Orchestra of Minorities (2019) in unterschiedlichem Maße auf mündlichen Traditionen des afrikanischen Kontinents. Wie ihnen ist es auch einigen anderen gelungen, das gesprochene Wort in gedruckter Form zu verewigen, und viele weitere bemühen sich weiterhin um die Bewahrung der afrikanischen Mündlichkeit auf den Seiten der zeitgenössischen Literatur.

Dafür brauchen wir aber mehr: mehr Ältere, die bereit sind, ihr Wissen an die Jungen weiterzugeben, mehr Jugendliche, die bereit sind, dieses Wissen zu erben, mehr Forschungszentren, die sich der Niederschrift afrikanischer Literatur widmen, und mehr Regierungen, die entschlossen sind, lokale Schriftsteller zu unterstützen. Wir brauchen mehr Autoren, die die einheimischen Sprachen beherrschen, mehr Lektoren mit dem kontextuellen Wissen, um diese Autoren zu unterstützen, mehr Verlage, die bereit sind, in diesen Prozess zu investieren, und mehr Buchhändler:innen, die bereit sind, sich für afrikanische Literatur einzusetzen. Das soll nicht heißen, dass wir diese Dinge nicht schon haben. Es soll nur heißen, dass wir mehr brauchen.

Ein großer Malier hat einmal gesagt, dass es jedes Mal, wenn ein alter Mann stirbt, so ist, als wäre eine Bibliothek niedergebrannt worden, und mit jeder Generation, die vergeht, kann man nicht umhin zu bemerken, dass mehr afrikanische Bibliotheken, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne, niederbrennen. Wir haben das Glück, in einer Zeit zu leben, in der das Licht zwar verblasst, aber die Seelen der afrikanischen Sprachen noch nicht verlassen hat, aber wir müssen uns auf eine Zukunft vorbereiten, in der dies der Fall sein könnte. Wenn dies also als unser unausweichliches Schicksal akzeptiert werden muss und wir unsere Muttersprachen verlieren, hoffe ich, dass wir zumindest dafür kämpfen werden, uns daran zu erinnern, was in der Sprache unserer Mütter erzählt wurde.

Akaninyene ist Büchersammler und Geschichtsenthusiast mit einer besonderen Leidenschaft für vorkoloniale afrikanische Geschichte. Derzeit sitzt er im Vorstand des Centre of Pan African Thought und ist Gründungsredakteur bei Literandra.

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