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Die Spur des Bienenfressers
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Ein ghanaischer Krimi der Extraklasse

Sonokrom, ein Dorf im Hinterland Ghanas, hat sich seit Jahrhunderten kaum verändert. Hier spricht man noch die Sprache des Waldes, trinkt aphrodisierenden Palmwein und wandelt mit den Geistern der Vorfahren. Doch eine verstörende Entdeckung und das gleichzeitige Verschwinden eines Dorfbewohners stören die ländliche Ruhe…

Für alle Krimifans haben wir heute einen besonders schönen Tipp: „Die Spur des Bienenfressers“ von Nii Parkes. In einem Dorf in der Nähe von Accra entdeckt eine junge Frau durch Zufall einen knochenlosen Haufen menschlicher Überreste. Da sie die Geliebte eines Ministers ist, schalten sich sofort höhere Beamte ein, die den Fall so schnell wie möglich lösen wollen. Kayo, ein junger Mann, der in einem biochemischen Institut in Accra arbeitet, aber eine Kriminaltechnik Ausbildung in Großbritannien absolviert hat, soll den Fall aufklären. Da sein Chef ihm hierfür allerdings nicht freigeben will, verhaftet die Polizei Kayo kurzerhand und schickt ihn zur Spurensicherung nach Sonokrom.

Inspektor Donkor lächelte. „Haben Sie sich CSI angeschaut?“ „Ja.“ „Das sind Sie.“ Er warf Kayo einen bedeutungsschwangeren Blick zu. Kayo runzelte die Stirn, immer noch perplex. „Ich hörte, Sie sind Kriminaltechniker.“ „Ja, bin ich.“ „Also, wir haben da einen Fall in einem Dorf in der Nähe von Tafo, bei dem wir Ihre Hilfe benötigen. Wir hätten uns gar nicht erst damit abgegeben, aber der Verkehrsminister schläft mit einer Tussi aus Tafo. Sie hat irgendwelche menschlichen Überreste entdeckt, und der Minister hat mich höchstpersönlich angerufen und gebeten, ein paar Leute dorthin zu schicken. Und jetzt will er Ergebnisse sehen.“ Der Inspektor klopfte mit dem Mittelfinger auf den Tischrand, als würde er Sekunden zählen. „Das Interesse des Ministers bedeutet eine gute Gelegenheit, sich befördern zu lassen. Und nicht nur eine Beförderung, auch Sonderzulagen sind die Lebensader des öffentlichen Dienstes. Unsere offiziellen Gehälter sind ein Witz.“ Er lachte herzhaft. Kayo war überrascht, wie melodiös sein Lachen klang. Wider Willen musste er lächeln.

Zwischen den in Sonokrom einfallenden Polizeibeamten aus der Hauptstadt und den bisher von Polizeigewalt verschonten und deswegen eher gleichgültigen Dorfbewohner:innen kommt es zu Reibungen: die Polizisten halten sich nicht an die Regeln des Anstandes und des Respektes und erhalten daher auch keinerlei Informationen. Kayo gelingt es, mit viel Feingefühl für die alten Sitten und die Bedeutungswelt der Menschen aus Sonokrom sein gesammeltes Beweismaterial durch die Geschichten und Mythen des Dorfes zu deuten.

Schriftsteller mit Hut
Nii Parkes,© Marianne San Miguel

Der junge Kriminaltechniker Kayo und der alte Jäger Opanyin Poku sind die zwei sich im Buch abwechselnden Narrative und stehen laut Nii Parkes symbolhaft für das Nebeneinander aus Sprachen, Kulturen und Bedeutungswelten von Menschen in afrikanischen Ländern und das Aufeinandertreffen von postkolonialem Stadtleben mit dem ‘außerkolonialen’ Landleben, wie Parkes es nennt. Die Leserin, die zu Beginn der Geschichte wahrscheinlich ihre ganze Hoffnung für die Lösung des Falls in Kayos moderne Kriminaltechnik legt, versinkt mit ihm zusammen mehr und mehr in die entschleunigte und idyllische Welt Sonokroms, die voller Mythen und Geschichten steckt.

Oduro löste den Knoten in dem Tuch, das er sich um die Hüften gebunden hatte, und zog ein Fläschchen aus Holz hervor. „Da.“ Er hielt es über Kayos Kalebasse. Kayo runzelt die Stirn. „Was ist das?“ „Etwas aus der Rinde von Hwema. Macht den Wein stärker.“ Der Medizinmann schüttete zwei Tropfen in seine Kalebasse, nahm einen Zug und schmatzte mit den Lippen. Kayo hielt Oduro seine Kalebasse hin, um etwas davon abzubekommen, rührte seinen Wein mit dem Finger um und trank. Er wartete bis das, was er getrunken hatte, von seinem Magen aufgenommen war, und fühlte zuerst eine angenehme Schwere und dann die eigentliche Wirkung. Er fuhr sich langsam mit der Zunge über die Lippen. „Vater Oduro, das schmeckt wirklich prima! Heizt richtig ein!“ Oduro lehnte sich über den Tisch, packte Kayo an den Schultern und grinste. „Es ist auch ein Aphrodisiakum.“ Er lachte, bis er am ganzen Körper bebte und mit ihm auch Kayos Schultern. Das Gelächter wurde immer stürmischer und ansteckender und überwältigte schließlich auch Kayo. Er spürte, wie ihm plötzlich schwindelig wurde. Die Schatten im Raum schienen größer zu werden und mitzulachen, der Duft der Buschfleischsuppe breitete sich aus und kitzelte Augen und Gaumen mit seinen pfeffrigen Fingern. Schließlich hatte Kayo das Gefühl, mit Oduro zusammen im Raum zu schweben und auf die Kalebassen, die Menschen, die Suppentöpfe hinunterzublicken, die sich in einem Wirbel von Farben und Formen auflösten. Von draußen war ein fernes melodisches Xylophon zu vernehmen, dessen Töne vom Wind getragen wurden und wie ein Zauber die Nacht zu durchschneiden schienen.

Neben Parkes humorvollem Grundton und der liebevollen Beschreibung seiner Charaktere ist das Besondere an seinem Roman die Auflösung des Falles, die wir hier natürlich nicht verraten wollen, die einen aber zum Nachdenken bringt über den eigenen Wahrheitsbegriff und die Implikationen, die dieser für das eigene Leben hat. Als die Situation immer unfassbarer wird, müssen Kayo und sein Ermittler einsehen, dass westliche Logik und politische Bürokratie ihre Grenzen haben.

Der Jäger seufzte. „Für Sie ist das vielleicht die Geschichte, die Sie brauchen. Aber ob es die Wahrheit ist, kann ich nicht sagen. Ich habe einfach nur erzählt. Man muss sich auf dieser Welt genau überlegen, welche Geschichte man erzählt, denn davon hängt vieles ab. Zum Beispiel, wie wir leben.“ Garba klopfte auf den Rand seiner leeren Kalebasse einen Adowa-Rhythmus, hörte aber abrupt wieder auf. „Wenn ich was sagen darf…“ Er warf Kayo einen Blick zu, und Kayo nickte. „Ihr Älteren schickt uns im Kreis herum. Wenn wir Fragen stellen, antwortet ihr mit einem Sprichwort. Ich möchte dazu nur eines sagen. Ja, ich bin zwar Polizist, aber ich möchte keinen Ärger machen. Ihr Leute seid in Ordnung, total in Ordnung, …“ Garba hob die Hand, als wolle er verhindern, dass jemand sprach, während er Luft holte. „Wir wollen euch helfen. Mein Freund hier neben mir, Mr Kayo, weiß das vielleicht nicht, aber unser Chef ist total verrückt. Wenn wir ihm nicht irgendwas erzählen, wird das Dorf nie zur Ruhe kommen. Ich schwöre bei meiner Mutter, dass die Polizisten euch alle hier überleben werden, ‚tschuldigung, wenn ich das so sage. Also sucht euch eine Geschichte aus, die ihr erzählen wollt.“ Nach längerem Schweigen sagte Oduro: „Über das, was ihr hier gesehen oder gehört habt, könnt ihr mit keinem reden.“ Kayo runzelte die Stirn. „Und warum nicht?“ „Als ich euch wegschickte, um diese Sache im Bambus zu verbrennen, habt ihr mit dem Rauch einen Zauber eingeatmet. Wenn ihr das, was ihr hier gesehen oder gehört habt, jemandem erzählt, der nicht aus dem Dorf ist, wird es sich anhören, als würdet ihr weinen.“ „Wenn dem so ist, warum sagt ihr uns dann nicht einfach die Wahrheit?“ Kayo war selbst überrascht, als er mit der Handfläche auf den Tisch schlug. Oduro lächelte. „Geduld.“ Er legte seine Hand auf die Kayos. „Die Zeit ist noch nicht reif dafür.“

Nii Parkes selbst sagte hierzu in Interviews:

Als Wissenschaftler weiß ich selbst, dass der Glaube an die Vernunft seine Grenzen hat – wäre das nicht so, gäbe es keine Religion, keinen Weihnachtsmann. Ich bin der Meinung, dass Mythen und Geschichten zu einer vollständigeren »Wahrheit« führen können als wissenschaftlicher Vernunftglaube allein. Wir können nicht einer Wissenschaft, deren Lehrsätze auf Leerstellen gründen, die als Konstanten bezeichnet werden, einen so hohen Stellenwert zusprechen, ja sie sogar als einziges Erklärungsmodell für die ungelösten Rätsel der Welt betrachten – dafür ist die Menschheit viel zu komplex.

Nii Parkes stellt die alte Krimi-Formel ›Wer hat’s getan?‹ auf den Kopf. ›Was ist gestorben?‹ lautet die Frage hier, und Parkes konfrontiert seinen Helden mit einer Welt, in der Wissenschaft korrumpierbar und Wunderbares möglich erscheint. Kayo soll einen Tatverlauf konstruieren, der mit den gesicherten Beweismitteln übereinstimmt, doch beim Palmweintrinken mit den Dörflern erfährt er eine Geschichte, die die Herkunft des Dings in der Hütte auf fantastische Weise erklärt.

Ulrich Baron, Der Spiegel

Geschichten, die Weisheit der Alten, die Macht der Mythen – das sind Schlüsselbegriffe in diesem Kriminalroman von Nii Parkes. Er lässt in seinem mit Wortwitz und Verve geschriebenen Buch zwei Lebenswelten kollidieren: die rasende, postkoloniale Realität des urbanen Ghana, mit ihrem Kapitalismus, der Korruption, den hilflos strampelnden Armen, arroganten Reichen und desillusionierten Rückkehrern; und die Welt der Dorfgemeinschaft, in der Tradition, Autoritäten und Magie noch lebendig sind.

Jutta Sommerbauer, Die Presse Wien

Parkes schreibt voller Humor und voller Liebe für seine Figuren und für die eigenwilligen Charaktere einer archaisch anmutenden Welt. Dabei entwickelt er seine Geschichte dramaturgisch geschickt, beschleunigt sie bis in ein vergnügliches und dabei doch auch weises Finale. So kommt ›Die Spur des Bienenfressers‹ flott, unterhaltsam und gewinnend klug daher – einfach bestens nicht nur für ein Romandebüt.

Manfred Loimeier, Mannheimer Morgen

Nii Ayikwei Parkes ist Schriftsteller, Herausgeber, soziokultureller Kommentator und Performance-Dichter. Er hat einen MA in kreativem Schreiben aus Birkbeck (University of London) und erhielt 2007 den nationalen ACRAG-Preis Ghanas für Poesie und literarische Interessensvertretung. „Die Spur des Bienenfressers” war 2010 in der engeren Auswahl des Commonwealth-Preises. Parkes Werk wurde auf italienisch, französisch, chinesisch, niederländisch, deutsch und arabisch übersetzt. Seine neuesten Gedichtbände sind die Broschüre “Ballast: a remix” (2009) und “The Makings of You” (Peepal Tree Press).

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